Bremen: Familienaufstellungen
Nora barmt. «Dein kleines Eichhörnchen würde herumhüpfen und Kapriolen schlagen, wenn du lieb und artig bist» säuselt Karin Enzler im eigenartig verrutschten Konjunktiv. Aber ein Hüpfen kann man sich ganz und gar nicht vorstellen bei dieser Nora, die kühl und emotionslos halb zu sich selbst spricht, halb ans Publikum und praktisch gar nicht an ihre Mitspieler. Enzler probiert Sätze aus, Ibsen-Text, dazu eine kleine Geste, ein Hochziehen der Augenbrauen, dann reicht sie die Rolle weiter an Lisa Guth. An Robin Sondermann. An Siegfried W. Maschek.
Sechs Schauspieler treten auf in Felix Rothenhäuslers Bremer Inszenierung von Henrik Ibsens Emanzipationsdrama «Nora oder Ein Puppenheim», alle dürfen kurz Nora sein, (fast) alle Torvald, Krogstad, Kristine, es gibt keine Rollenattribute, es gibt nicht einmal echte Figuren. Es gibt nur noch die Strukturen zwischen den Protagonisten: aseptische Küsschen zwischen den Eheleuten, bürgerliche Konvention.
Die Auflösung der Protagonisten, die Konzentration auf das, was zwischen den Figuren passiert, ist Rothenhäuslers zentrale Idee. Was zur Folge hat, dass der Abend schauspielerisch auf ein Minimum zurückgefahren ist. Man könnte das Konzept als ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2016
Rubrik: Chronik, Seite 64
von Falk Schreiber
Es ist dieser Moment in Daniela Löffners angstfrei emotionaler Inszenierung von Brian Friels Turgenjew-Dramatisierung «Väter und Söhne», wenn tatsächlich jeder Widerstand bricht. Der pensionierte Militärarzt Wassilij Iwanowitsch Bazarow, ein großer Mann, der sich sehr klein fühlt und das hinter vielen Worten zu verbergen sucht, ist verstummt. Sein Sohn ist tot,...
Pisto ist ein Freund der klaren Ansagen. Vielleicht, empfiehlt er seinem Kumpel Hupka warmherzig, «gibt’s Leute, die sollten sich ein Schild um den Hals hängen: ‹Verlierer›. Alles, was ich anpacke, wird Schrott.» Unrecht hat Pisto (Nahuel Häflinger) natürlich nicht: Die Differenz zwischen Sein und Bewusstsein ist bei Hupka tatsächlich ganz besonders imposant. Denn...
Identität entsteht aus den Bildern, die man von sich selbst hat. Mit Hilfe der Erinnerung verknüpft man diese Bilder. Das ist der selbstkonstruierte Kern des Eigenen: die Biographie. Neue Bilder der eigenen Vergangenheit zu integrieren, ist schwer: «Das Schwierigste nicht scheuen, das Bild von sich selbst ändern.» (Christa Wolf)
Thomas Melles Aufarbeitung des...
