Schöpfung der Menschlichkeit

Johan Simons/Paul Slangen nach Aischylos «Orestie»

Theater heute - Logo

Langsam, fast vorsichtig nähert sich Athene. Über einen Steg zwischen den Zuschauern zur Bühne, wo ein jun­ger Mann sitzt, auf dem Boden, und wartet: Orest.

In der Nähe liegen schla­fend – oder tot? – weitere Personen, während er ruhig der Göttin seine Geschichte schildert: vom Vater Agamem­non, der auf göttliches Geheiß die Tochter Iphigenie opferte; der wiederum bei der Rückkehr aus dem Krieg von seiner Gattin Klytaimestra ermor­det wurde; wonach auf Apolls Befehl Orest selber seine Mutter tötete; so dass er jetzt an Athene appelliert: «Fälle du das Urteil, ob das rechtens war.» Doch auch die Göttin der Weisheit vermag den Fall nicht zu lösen und beruft ein unabhängiges Gericht.

Die Schlüsselszene der «Orestie» vom Schluss schon als Prolog – so erscheint alles Folgende nicht mehr wie der von Aischylos wirkungssicher arrangierte, mordlüsterne Thriller aus Rache und Revanche. Sondern als analytische Anamnese einiger vom selbstzerstörerischen Strudel aus Schuld und Sühne gezeichneten Menschen. Johan Simons und sein Dramaturg Paul Slangen wollen verstehen. Nicht vorführen.

Dass die «Orestie» mit ihrer Endlosspirale aus Gewalt und Vergeltung, nicht zuletzt in göttlichem Namen, die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2007
Rubrik: Chronik, Seite 42
von Vasco Boenisch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Schwarze Flecke, weiße Flecke

Warum lässt ein junges, intelligen­tes Mädchen sich permanent von ihrem Freund verprügeln? Warum kann eine Journalistin in Artikeln ihre Ängs­te und Probleme am Beispiel anderer Menschen analysieren, ist selbst aber unfähig, diese zu verändern? Und wie kann die Langeweile einen aufgeweckten jungen Mannes dahin führen, dass er die Kinder der Nachbar­schaft...

Durststrecke im Dauerregen

Zuallererst einmal hält sich Friedrich von Homburg an einer Bierflasche fest, lässt seine Lederjacke auf uns wirken und steigert sich in einen geliehe­nen Traum – visionäre Fließbandware von der Leinwand (Video Chris Kondek): Mal einen aus der Marlboro-Wer­bung gefallenen Reiter, mal ein rennendes Kleinkind, mal ein paar stumm­filmbeschleunigte Kollegen in...

Notizen

Gestorben

Legendär war sein Auftritt in Volker Brauns «Übergangsgesellschaft», wenn er als alter Kommunist und verdienter Spanien-Kämpfer Wilhelm Höchst auf dem Boden sitzt, Westfernsehen guckt und Sätze sagt wie «Der Sozialis­mus kann nicht als Diktatur zum Ziel kom­men». 1988, ein Jahr vor dem Mauerfall, war diese Fortschreibung von Tschechows «Drei Schwestern»...