Unten und oben

Hamburger Klassenverhältnisse: Sebastian Nübling inszeniert am Thalia Theater die Uraufführung von Simon Stephens’ «Maria», Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus Edward Albees Ehekriegskomödie «Wer hat Angst vor Virginia Woolf?»

Theater heute - Logo

Es gibt sie noch, die Arbeiterklasse. Maria etwa: eine reizende Provinzprolette, die selbstbewusst an den ihr schüchtern hinterherpfeifenden Hafenarbeitern vorbeistolziert, die voller Empathie auf ihre Mitmenschen einzugehen weiß, die schwanger ist, ohne zu wissen (oder ohne es zu verraten) von wem, die einen Verehrer freundlich, aber bestimmt abzuweisen versteht. Ob sie einen Vater für ihr Kind brauche, fragt der sie nach dem Sex: «Die Leute sagen, was ihnen fehlt, ist, jemand zu haben, mit dem sie die schönen Momente teilen.

Die, wenn sie lächeln oder kichern oder in den verrücktesten Farben kacken. Das könnte ich übernehmen.» Und Maria: «Ich komme zurecht, danke.» Maria, die Titelheldin aus Simon Stephens’ jüngstem Kitchen-Sink-Drama, ist eine Figur, wie man sie auch aus dem britischen Kino der neunziger Jahre kennt: vom Schicksal gebeutelt, aber dennoch zukunftsfroh, unterprivilegiert, aber intelligent, hart, aber herzensgut.

In Sebastian Nüblings Uraufführung am Hamburger Thalia ist Maria vor allem: Lisa Hagmeister. Die ist im Thalia-Ensemble die Ideal­besetzung für angeschrägte, am Abgrund balancierende Proletarierinnen, zumal sie trotz ihrer 39 Jahre immer noch wirkt, als ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Falk Schreiber

Weitere Beiträge
Applaus in Wunderbarhofen

Seit 35 Jahren bin ich Schauspieler: Ich habe mit jeder Form von Gastspielen, Theatern auf Reisen und Tourneen Bekanntschaft gemacht und kann sagen, dass ich meinen Beruf als reisender Schauspieler immer noch gern ausübe. In den letzten vier Jahren bin ich mit verschiedenen Tournee-Unternehmen gleichzeitig mit fünf verschiedenen Stücken unterwegs gewesen: eine...

Sehnsucht nach Autonomie

Es war der Skandal der Autorentheatertage 2018 am ansonsten so gediegenen Deutschen Theater: Sebastian Hartmanns «Uraufführung» von Björn SC Deigners dokumentarisch grundiertem Prostitutionsstück «In Stanniolpapier», bei der das Wort Uraufführung im Programmheft durchgestrichen wurde, die Jury sich offiziell distanzierte und die Presse sich aufspaltete in rabiate...

Wien: Härtetest für eine Assistentin

Die Studiobühne des Burgtheaters, das Vestibül im linken Flügel des Haupthauses, ist ein denkbar schwieriger Theaterraum. Gegen die klassizistische Pracht der von Marmorsäulen gesäumten Wände muss man erst einmal anspielen, und für Raumgestaltungen, die das dominante Ambiente entschärfen könnten, ist zu wenig Platz. Eigentlich brutal, dass ausgerechnet das Vestibül...