Die Sympathiefrage
Selten so einen schönen Spaziergang gemacht. Üppige Ahorn-Alleen säumen die Wege, zwischen viel wucherndem Grün verstecken sich übersichtliche zweigeschossige Wohnzeilen aus den 30er Jahren, ein idyllischer Fußballplatz schmiegt sich in eine Senke; hinter einer halbhohen Mauer verschwindet der Verkehrslärm, nur ein bisschen Stacheldraht obendrauf stört die Beschaulichkeit. Die alte Bayern-Kaserne im Münchner Norden, erbaut 1936–1938 und bis 1968 von der US-Army genutzt, wirkt am späten Nachmittag wie ein verschlafenes Wohnviertel mit Öko-Prädikat. Allererste Barackenlage.
Bevor das Gelände einer neuen Bestimmung mit 2.500 Wohneinheiten entgegensieht, die demnächst hier entstehen sollen, werden ein paar Blocks von der Stadt München als Flüchtlingsunterkunft genutzt, und die Münchner Kammerspiele haben die malerische Stadtrandlage ganz in der Nähe vom Seniorenheim Kieferngarten vier Wochen lang als Kulisse für Johan Simons’ site-specific «Perser»-Inszenierung auserkoren. Dabei wurde an alles gedacht und keine Mühe gescheut. Schon drei Stunden vor der Vorstellung ist das Gelände zum Kennenlernen und für Fahrradtouren geöffnet. Unter Sonnenschirmen im Innenhof warten Speisen und ...
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Theater heute Juli 2011
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Franz Wille
Nein, in der Haut dieses Mannes möchte man nicht stecken. Dass der Knecht Nikita das arme Waisenmädchen Marinka hat sitzenlassen, dass er im Verbund mit seiner intriganten Mutter und der Geliebten Anisja deren Mann Petr, seinen einstigen Herrn, vergiftet hat, dass er wiederum Anisja das Erbe entwendet und es mit deren Stieftochter Akulina verprasst hat – all das...
Die Raffgier der Menschen ist zeitlos. Vielleicht spricht man in unseren Tagen mit anderen und komplizierter klingenden Worten über Aktien, Dividenden, Kurse und Erträge, die Sucht nach Gewinnen, Mitnahmen und Rücklagen ist aber ebenso rücksichtslos, zerstörerisch und entlarvend wie zu Zeiten Carl Sternheims, der mit seinem Lustspiel «Die Kassette» 1911 das geniale...
Alvis Hermanis wurde im Westen zwar mit Gogols «Revisor» bekannt; berühmt aber ist der lettische Regiestar nicht für seine Repertoireinszenierungen, sondern für semidokumentarische Abende wie «Das lange Leben» oder «Väter», die er gemeinsam mit den Schauspielern entwickelt. Um Shakespeare oder Tschechow hatte Hermanis bisher einen Bogen gemacht. Bei Shakespeare...
