Tristesse total

Euripides «Medeia»

Theater heute - Logo

Die Chauvinisten sind unter uns. Lackbeschuht schlurfen sie übers Parkett aus rostblutenden Planken, die einer von ihnen wohl in einem Testosteronanfall aus seinem Schiff gebrochen hat. Schließlich ist das hier eine Männerwelt. Und da ist kein Platz für diese Gestalt, die mit strähnigem Haar und knittrigem weißen Frackhemd wie ein eingesperrtes Tier hin- und herläuft, seufzt, singt, summt, flucht und immer wieder böse nach Iason ruft. Eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, der man besser nicht mit dummen Sprüchen kommt.

König Kreon (Felix von Manteuffel) hat das leider nicht begriffen. Feist und pistazienfressend will er diese Fremde aus seinem Land vertreiben, weil ihr Mann – eben dieser Iason, der auf seinem stolzen Segler hier vor Anker gegangen ist – nun sein Schwiegersohn werden soll und von Exfrauen nichts Gutes zu erwarten ist.

Vor allem wenn sie Medeia heißen und mit weiblicher Zurückhaltung nichts am Hut haben. Zu tief getroffen ist diese von Iasons Treuebruch, als dass sie nun stillschweigend die neue Bindung dulden könnte. Aber ihre Meinung will man im harmoniesüchtigen Korinth nicht hören. «Ich sehe, du willst durchaus lästig werden, Frau», sagt Kreon und spricht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Oktober 2007
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Kristin Becker

Vergriffen
Weitere Beiträge
Die Mutter aller freien Spielstätten

Bis vor kurzem residierte sie noch in einem großen, etwas schummrig beleuchteten Raum, der mit seinen langen Arbeitstischen fast einem Großraumbüro glich. Obwohl auf Grund der Gesamtmorbidezza des Gebäudes wahrscheinlich niemand auf die Idee gekommen wäre, es je so zu nennen. Unterstrich doch die Arbeitssituation eher den Familiencharakter des Unternehmens...

Unter dünnem Eis

Weiß wie Kunstschnee, rot wie Theaterblut, schwarz wie die Black-Metal-Kluft – ein kaltes Märchen bringt die junge französische Regisseurin, bildende Künstlerin und Puppenmacherin Gisèle Vienne mit zum Berliner Festival «Tanz im August». In Frankreich ist die 31-Jährige gut im Geschäft, 2005 war sie mit zwei Produktionen nach Avignon eingeladen. Hier wird sie als...

Der Loman-Trailer

In Zeiten der You-Tube-Kunsthäppchen sind sie längst zum Gebot der Stunde geworden: die Klassiker in handlichen Formaten. Knackiger Content in maximal 90 Minuten (Schallmauerwert)! Der Schauspieler und Jungregisseur Christian Hockenbrink, Jahrgang 1975, kann es schneller. Auf der Durchreise nach Frankfurt und Stuttgart, wo er nächs­te Spielzeit inszenieren wird,...