Der etwas härtere Junge
In Pier Paolo Pasolinis Jesus-Film «Das 1. Evangelium – Matthäus» fährt die Kamera immer wieder langsam über die Gesichter derer, die gekommen sind, um Jesus zuzuhören. Pasolini hat seine Komparsen in Südtalien gecastet, einfache Männer aus der Basilicata, Hilfsarbeiter, Bauern, Tagediebe. Das Leben und die Sonne haben ihre Physiognomien verschieden geprägt, manche sind ebenmäßig, andere nicht; man kann an ihnen studieren, wie vielfältig Schönheit sein kann und wie schön Eigenart ist.
Frank Castorf hat in seinem Volksbühnen-Ensemble durch wechselhafte Zeiten immer wieder ganz ähnliche Visagen versammelt: zarte und zerknautschte, aufgedunsene und ausgezehrte, vor allem aber unbedingt eigenwillige.
Frank Büttner hat so ein Gesicht, das viel erzählt. Ein Gesicht «mit Biografie», wie er selber sagt. Wie ein Vexierbild ist es im direkten Kontakt offen, freundlich, schelmisch, während es aus der Ferne und auf der Bühne entschlossen, brutal und ultramännlich wirken kann. Dazu kommt Büttners markante Stimme, die immer ein bisschen so klingt, als würde gerade jemand an seinen Stimmbändern Schweißarbeiten durchführen. Frank Castorf besetzt den muskulösen Büttner häufig entsprechend – in ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Die Theater des Jahres, Seite 120
von Eva Behrendt
Der Dramatiker Ferdinand Schmalz liebt Humor und bildhafte Spielorte. So wundert es kaum, dass nach dem Butterberg hinter der Molkerei, dem sumpfigen Urgrund eines Einkaufsparadieses und dem Unfallchaos an einer Raststätte in seinem neuen Drama ein überflutetes Thermalbad zum Gesellschaftsbild unserer mittels Wellness und Körperkult weichgespülten Wirklichkeit...
1892 kam in New York ein «Jiddischer Kenig Lir» auf die Bühne, ein Stück des ukrainisch-russischen Migranten Jakob Gordin, der ein Jahr zuvor vor Pogromen in seiner Heimat nach Amerika geflohen war. «Kenig Lir» war sein drittes Stück – ca. 70 weitere sollten folgen – und begründete nicht nur seinen Ruhm als einer der erfolgreichsten Theaterautoren seiner Zeit,...
Es muss eine desillusionierende Erfahrung gewesen sein für die sieben Wichtigkeitsbeauftragten der deutschen Theaterkritik, als sie auf der Suche nach den bemerkenswertesten Inszenierungen auf die Probleme des schieren Überlebens stießen. Der Theatertreffen-Juror Bernd Noack hat im Maiheft dieser Zeitschrift beschrieben, wie er auf dem Weg in die Mittel- bis...
