Tagesschau-Theater
Vor 35 Jahren verfasste ein Tübinger Umweltaktivist leidenschaftliche Briefe an den Bundeskanzler. Er schreibt gegen das «Welt-Nuklearkartell» an, gegen den Raubbau an der Natur. Der Bundeskanzler hat keine Zeit zum Briefelesen, sein Problem gärt nicht auf Müllkippen, sondern unter dem Emblem der RAF. Der urgrüne Rebell reagiert mit Hungerstreik. Als er unter den damals 60 Millionen Bundesdeutschen «nicht die Handvoll Helfer» findet, die «unentbehrlich» wären, kippt er einen Benzinkanister über sich und macht sich «zur lebenden Fackel des Protestes».
Hartmut Gründler hieß dieser verirrte Geist. Am Theater Freiburg markiert sein Monolog, gesprochen von Frank Albrecht, die größtmögliche historische Diskrepanz zur politischen Gegenwart. Baden-Württemberg wird von einem grünen Ministerpräsident regiert, das neue Bürgertum in Städten wie Freiburg und Tübingen leistet sich grüne Oberbürgermeister, und dass demnächst ein grüner Kanzlerkandidat keine Zeit zum Briefelesen hat, ist durchaus wahrscheinlich.
Ob sich ein Stadttheater deshalb zum Schlachtenmaler einer Parteichronik machen muss, ist eine Frage, an der man sich eine ganze Spielplanung lang aufreiben kann. Vom Ergebnis her ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute August/September 2011
Rubrik: Chronik, Seite 74
von Stephan Reuter
Montag, 1.8.
22.25, ZDFkultur: Gero von Boehm begegnet: Romy Haag (vgl. TH 6 + 13/1978)
0.05, ZDFkultur: Theaterlandschaften – Neue Bühne Senftenberg – vorgestellt von Esther Schweins (vgl. TH 13/2005)
5.55, ZDFkultur: Überall ist Süden – Die Wirklichkeiten des Tennessee Williams – Film von Herbert Krill
Dienstag, 2.8.
15.10, ZDFkultur: Faust I – Der Tragödie erster...
Glühlämpchen blinken, die Bodengoldfolie glitzert, der Vorhang spannt sich rot und weiß – eine breit gestreifte Beleidigung für jedes Auge, ausgenommen Freunde der Baumarktmarkise. Ein Theaterstück, das freiwillig in so einem Ambiente spielt, das kann nur schrecklich oder schrecklich lustig sein. Ausgenommen ein Stück von René Pollesch. Das ist dann schrecklich...
Die selbsternannten Freiheitskämpfer auf spanischen Plätzen oder am Stuttgarter Hauptbahnhof, nicht mehr zufriedenzustellen durch den Gang der Dinge unter den Bedingungen repräsentativer Demokratie, tragen dazu bei, dass Juli Zehs Revolten- und Aufruhr-Fantasie um das «Corpus Delicti» nicht mehr ganz so weit hergeholt wirkt wie bei der Uraufführung 2009. Vielleicht...
