München: Spielen in der Warteschleife
Auf der großen Bühne der Münchner Kammerspiele ist ein kleiner Guckkasten mit einem Büro aufgebaut, so rudimentär realistisch wie die Kulisse zu einer Doku-Soap. Was darin gespielt wird, ist ein Reenactement von harter Realität, wie sie hierzulande jeden Tag stattfindet. Von drei Personen, die anfangs agieren, sind zwei Schauspieler, einer erzählt seine wahre Geschichte, was auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist.
Über kaum etwas wurde in letzter Zeit so viel debattiert, und über kaum etwas wissen die meisten trotzdem so wenig Bescheid, wie über den Ablauf eines Asylverfahrens vor dem BAMF, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Nun gibt das Open Border Ensemble der Münchner Kammerspiele (das in seinem Kern nicht aus Geflüchteten, sondern aus syrischen Gastschauspielern mit einem Arbeitsvisum sowie wechselnden Ensemblemitgliedern der Kammerspiele besteht) unter Anleitung der argentinischen Dokumentartheatermacherin Lola Arias Einblick in ein authentisches laufendes Verfahren und damit in eine nur scheinbar abschließend gesetzlich geregelte Grauzone von unmöglichen Beweislagen, endlosen Warteschleifen und letztlich auf Zufällen basierenden Ermessensentscheidungen.
Fesseln ...
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Theater heute August/September 2018
Rubrik: Chronik, Seite 65
von Silvia Stammen
Es ist warm. Träge dreht sich der Ventilator, Ameisen bahnen sich ihren Weg durch die Küche, und Familie Sanchez, Großmutter, Mutter, Tochter, Freund der Tochter, schauen eine Telenovela, bis die Nachbarin die Waschmaschine anwirft und so die Stromspannung überfordert. Das war es dann bis auf Weiteres mit Sentiment, also setzt sich die Familie aufs Sofa und...
Die keusche Venus links hinten im Eck hat schon deutlich bessere Tage gesehen. Ein grober Sack verhängt ihren Kopf, und die Ausarbeitung von Armen und Händen der griechischen Statue lässt etwas zu wünschen übrig. Zu ihren Füßen liegt nichts, was ihren Schönheitssinn beflügeln könnte: ein eher korpulenter nackter Mann aus Hartplastik, über fünf Meter rücklings...
Bruno hat einen blutigen Beruf. Wenn ein Kuschelhund oder ähnliches Getier verstirbt, geht Bruno hin, weidet alles Vergängliche aus und hübscht den Rest auf für die Ewigkeit. Bruno ist «Der Präparator» im neuen Stück des Schweizers Lukas Linder, der mit Mitte 30 eine ansehnliche Reihe skurriler Komödien verfasst hat.
Jetzt steht Bruno im Overall, blutverschmiert...
