Der Mann, der nicht küssen konnte
Auf der Bühne liegt ein großes schwarzes Ding. Es liegt die ganze Zeit da, ohne dass je deutlich würde, was es überhaupt ist. Das Ding könnte ein riesiger alter Scheinwerfer sein, vielleicht irgendwas Militärisches oder auch etwas ganz anderes. Egal: Offensichtlich hat das Ding ohnedies bloß Symbolcharakter. Es steht für etwas, was irgendwann passiert ist und jetzt einfach nicht mehr weggeht.
Um konkreter zu werden: Der Vorfall, den das Ding symbolisiert, hat sich 1945 zugetragen. Da ist bei einem Bombenangriff ein Baby ums Leben gekommen.
Anne Habermehls Stück «Luft aus Stein» handelt von den Folgen dieses Unglücks. Das Trauma, dass der Kindstod in seiner Mutter auslöst, wird sich in die nächsten Generationen fortpflanzen. Noch fast 70 Jahre später, in der Gegenwart, liegt es wie ein undefinierbarer schwarzer Block im Zimmer herum. «Vergangenheitskrebs» wird es eines der nachgeborenen Opfer einmal nennen.
«Luft aus Stein» spielt abwechselnd auf drei Zeitebenen: in den 40er Jahren, in den 60er Jahren und heute. Als Orientierungshilfe werden zu den Szenen die Jahreszahlen eingeblendet. Das ist schon deshalb hilfreich, weil nur vier Schauspielerinnen und Schauspieler im Einsatz sind, ...
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Theater heute April 2013
Rubrik: Neue Stücke, Seite 26
von Wolfgang Kralicek
Rund hundert neue deutschsprachige Stücke hat das fünfköpfige Mülheimer Auswahlgremium zwischen März 2012 und Februar 2013 gelesen und besichtigt. Acht Mal wurde es fündig. Und das gab es noch nie: die totale Übererfüllung der Frauenquote! Jahrzehntelang war Elfriede Jelinek ziemlich allein auf weiter Flur an der Ruhr, diesmal stehen ihr gleich vier Kolleginnen zur...
«Was im nächsten Moment sein könnte, will man ja nicht wirklich wissen, außer vielleicht es handelt sich um die Lottozahlen.» Das weiß auch Philipp Löhle, dessen neues Stück «Nullen und Einsen» er selbst dann noch mit komischen Geschichten spickt, wenn er sich so einem herben Thema wie der stochastischen Unwägbarkeit des Künftigen widmet.
«Nullen und Einsen» ist...
Als vor zehn Jahren das erste «100° Berlin»-Festival über die Bühnen des HAU und der Sophiensaele tobte, war alles Tohuwabohu. Ehrgeizige Theaterwissenschafts–studentInnen brannten darauf, vor Publikum ihr frisch erworbenes Wissen anzuwenden, hochmotivierte Dilettanten präsentierten ihre Passionsspiele, ergraute Szene-Hasen, denen nach Jahren der Förderhahn...
