Im Ghetto der Perfektion
China besitzt eine von der hiesigen sehr unterschiedene und auf den westlich und besonders vom deutschen Theater geprägten Intellektuellen zunächst eher fremd wirkende Theaterkultur. So hat das Sprechtheater, bei uns mindestens institutionell noch immer das Herzstück des Theaterlebens, hier eigentlich keine Tradition. Das große Erbe der chinesischen Theatergeschichte ist die Operntradition. Ähnlich wie in Japan, wo man als Schritt in die Moderne gegen Ende des 19.
Jahrhunderts den europäischen «Realismus» eines Sprechtheaters importierte, holte man sich in China (nach Anfängen zu Beginn des 20. Jahrhunderts) in den ersten Jahren der Volksrepublik den Realismus als, freilich verkürzte, Lehre Stanislawskis aus der Sowjetunion. Und noch immer ist hier ein an Stanislawski orientierter Realismus für das Theaterverständnis in weiten Kreisen nicht nur des breiten Publikums maßgeblich. Wobei in China oft genug harsche Kritik an der schematischen Übernahme dieses Realismuskonzepts geübt wird, das die Wahrnehmungsbereitschaft für andere Spielformen des Theaters in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts lähmt.
Ein zweiter Hemmschuh für formal innovative und kritische Theaterformen ist der ...
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Theater heute April 2016
Rubrik: Ausland, Seite 34
von Hans-Thies Lehmann
Europa knirscht in seinen Grundfesten. In Brüssel und an den diversen Binnen- und Außengrenzen wird immer hektischer daran gearbeitet, die inneren Fliehkräfte, die es zu zerreißen drohen, und den Ansturm der Hilfesuchenden von außen noch irgendwie zu harmonisieren. Grund genug, auch in der künstlerischen Praxis nach stabilisierenden Zwischenböden zu fahnden,...
Die Zombifizierung des Menschen im Maschinenzeitalter ist länger schon ein Thema für Claudia Bauer. In Dortmund setzte die Regisseurin Fassbinders «Welt am Draht» um. In Leipzig ließ sie jüngst für Wolfram Hölls «Und dann» Puppenmenschen wie von Radiowellen gesteuert durch ein surreales Erinnerungshaus schlurfen. Unter Pinocchiomasken.
Es ist gefühlt kein weiter...
Wenn der Regisseur Kriegenburg und der Bühnenbildner Kriegenburg auf Franz Kafka treffen, darf man auf eine kreative Kollision hoffen. Die kam jedenfalls 2008 an den Münchner Kammerspielen zustande, als Andreas Kriegenburg Kafkas «Prozess» radikal in die Vertikale setzte, ein Bühnenbild, um 90 Grad gekippt, in dem der verachtfachte Joseph K. sich durch sein...
