Der unendliche Kollaps

Friederike Engel über Caryl Churchill «Liebe und Information»

Theater heute - Logo

Einer kann nicht schlafen. Ein anderer hört die Stimme Gottes. Wieder ein anderer ruft die Polizei. Einer kann sich nicht erinnern. Ein anderer fragt, wie viel Zeit ihm noch bleibt. Wieder ein anderer kennt keine Angst …

Nahezu endlos ließe sich diese Aufzählung von kleinen Handlungssequenzen fortführen. Denn das neue Stück der britischen Autorin Caryl Churchill, die seit den siebziger Jahren die englische Dramatik maßgeblich beeinflusst, zeigt über hundert Figuren in rund fünfzig Szenen.

Nach inhaltlich und formal außergewöhnlichen Stücken wie «Far away» oder «Drunk enough to say I love you» hat die inzwischen 74-jährige Dramatikerin ein neues Experiment gewagt und ist damit ganz am Puls der Zeit. «Liebe und Information» ist ein irrwitziges Szenenkaleidoskop, in dem keine Figur zweimal auftritt, in dem das Banale neben dem Beunruhigenden, das Komische neben dem Katastrophalen, Szenen von ein paar Zeilen neben mehrseitigen Dialogen stehen. Alle Elemente sind ohne wirklich erkennbare Hierarchie, nahezu gleichberechtigt, aneinandergereiht. Es entsteht eine sogartige Bewegung, wie man sie von Google-Suchaktionen kennt, in denen man sich von Link zu Link klickt, gleichzeitig immer ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2013
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 167
von Friederike Engel

Weitere Beiträge
Zerbrechlich bleiben

Ein kahles Gästeappartement, hineingestellt in die große Spielhalle der Münchner Kammerspiele. Zwei Männer treten auf, beide um die Dreißig, der eine spillerig dürr, der andere das Gegenteil davon. Sie ziehen sich splitternackt aus und sind zwei Stunden lang einfach da. Ohne ein Wort zu sprechen, spielen sie alle Phasen einer menschlichen und künstlerischen...

Kunst und Marke

Ende März in Berlins wuchtigem Theatertrotzbau am Rosa-Luxemburg-Platz. Auf der Drehbühne kreiselt eine verwinkelte, mit Liebe gezimmerte Bretterbude, über der ein riesiger Videoscreen thront, der Stolz des Hauses. Was in den Zimmern vor sich geht, überträgt großzügig gepixelt und leicht grünstichig eine wackelige Handkamera, die noch das staksigste...

Katastrophe als Chance

Für Fritz Kater bedeutet Schreiben nicht nur die Entwicklung neuer Verfahren der Anordnung und Bearbeitung von Wortmaterial, sondern immer eine besondere Art des Verdichtens, des Zuspitzens eigener Wahrnehmung von Wirklichkeit.

«5 morgen», sein neuer Text, schildert eine Welt, in der das Effizienz-Dogma nicht nur die Märkte, sondern vor allem das Menschenbild mit...