Hurra, jetzt ist der Oli tot!
Menschen rennen durch die Nacht. Erst waren nur ein paar Spaziergänger in Laufschritt gefallen, dann schwoll das Läufertrüppchen zum Rudel an. Jetzt dröhnt und knarrt der Bühnenboden unter den polternden Tritten der Turnschuhe und Badelatschen. Stumm wälzt sich die Herde, vielleicht auf der Flucht, vielleicht auf der Jagd, Runde um Runde über die «Ebene von Waterloo, hinter dem Teutoburger Wald an der Marne». Dort, wo die Erde einem ausgebrannten Trichter gleicht, einem plattgewalzten Scheiterhaufen, auf den ein Himmelskörper gestürzt ist. Bis plötzlich alle stehen bleiben.
Zwei Dutzend Taschenlampen strahlen auf. Wie Glühwürmchen tanzen sie um Oli, das tote Kind. Bei Luk Perceval ist es ein ausgewachsener Fleischberg.
Sechsmal lässt der belgische Regisseur seine 24 Schauspielerinnen und Schauspieler so über die gewaltige Panoramabühne von Annette Kurz rennen. Sechsmal lässt der Autor Marius von Mayenburg nachts den neunjährigen Oli sterben, bevor es am Abend des siebten Tages die böse Hexe trifft. Der Uraufführung von Mayenburgs Campingplatzgroßmetapher «Turista» (mexikanisch für «Montezumas Rache»), einer Koproduktion der Wiener Festwochen mit der Berliner Schaubühne und dem ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Die disparaten Textfragmente der großen Potentaten der deutschen Geistesgeschichte (Novalis, Kleist, Fichte, Hegel und Heidegger), die Elfriede Jelinek in «Wolken.Heim» zu einem unheimlichen, zeit- und ortlosen Identitätsdiskurs verschmolzen hat, irritieren immer noch. Auch 17 Jahre nach der Uraufführung befremdet diese hymnisch nationalistische Selbstbeschwörung,...
Da fehlt doch was? Hoch oben auf dem dreistöckigen verschraubten Wohnkubus blinken nur ein paar Lämpchen einsam um das leere Gerippe einer verrosteten Werbefläche, trauriger Rest irgendeines vom Wind verwehten Plakatständers. Noch vor kurzem hätte sich Bühnenbildner Bert Neumann die Gelegenheit nicht entgehen lassen, eine Videowand dort oben zu installieren, am...
Noch ins Black klingelt ein Telefon. Der Mann, den es erreichen soll, erscheint Sekunden später, aber die Synchronizität von Ton und Bild schafft keine verlässliche Verbindung: Die Welt des Telefonklingelns und das Universum dieses Mannes existieren allem Anschein nach parallel. Stumm und vollkommen reglos sitzt er am Steuer seines Autos und blickt geradeaus. In...
