Unter Textgebirgen
Auch nach diesem «Idiot» muss leider die Frage ungeklärt bleiben, ob Dostojewskij, in dessen großen Romantragödien sehr viel geredet wird, fürs Theater taugt. Er wird seit Castorf, der seinen Zyklus 1999 begann, viel gespielt, und es könnte sein, dass er ein verhinderter Dramatiker war, wie Vladimir Nabokov in allerdings gehässiger Absicht meinte. Es könnte aber genauso gut sein, dass es für das Theater ein großes Glück gewesen ist, wenn Dostojewskijs ebenso erhitztes wie endloses Gerede von Glück, Leid und andere Großthemen zwischen zwei Buchdeckeln bliebe.
Die knapp tausend Seiten des «Idioten», Dostojewskijs Roman über die Schönheit, sind da durchaus aufschlussreich. Auf den ersten Blick handelt es sich um einen geschlossenen, realistischen Roman, auf den zweiten zerfällt er in zwei unterschiedliche Teile. Der erste spannt einen geschlossenen Handlungsbogen und genügt auch sonst den Anforderungen des Aristoteles an Ort und Zeit. Der zweite, ungleich längere, zerfasert mit der zunehmenden Fiebrigkeit der Protagonisten zu einer unübersichtlichen Textfläche. Stephan Kimmig hat Stück oder Roman genau an dieser Schnittstelle (nach dem ersten von vier Teilen) durch eine Pause in zwei ...
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Theater heute Januar 2014
Rubrik: Starts/Aufführungen, Seite 26
von Peter Michalzik
Es riecht nach Äpfeln und sieht nach DDR aus im alten Kino im sächsischen Königstein, wo die zweite Doppelpass-Produktion der Landesbühnen Sachsen und der Tanzcompany Bodytalk stattfindet. Im Saal mit seinen grünen Stofftapeten, den ocker-braunen Vorhängen und dem holzbefeuerten Bollerofen scheint die Zeit nicht erst 1989 stehen geblieben zu sein. Anna Viebrock...
Als aber der Sprechchor der «Magdeburger Hexen» zum dritten, gefühlt dreißigsten Mal erschienen war, da erhoben sich im Zuschauerraum bei dieser sonntäglichen Zweitaufführung wie schon bei der Premiere lautstarke Buh-Rufe. Und das für Laienspielerinnen, die gerade eigene Gewalterfahrungen bekundeten (verprügelt von den Eltern, vergewaltigt im Schülerlager, sexuell...
Der junge Mann ist wie aus dem Ei gepellt. Blütenweißer Anzug, einen Knopf zu weit geöffnetes Hemd, ein Hauch von Glanz am federnden Hosenbein. Die Zeiten der körperlichen Arbeit sind vorbei. Wo die türkischen Väter noch Paletten vom Großmarkt in den Gemüseladen schleppten, deklamieren die postmigrantischen Söhne zum spöttischen Zeitvertreib Kants «Kritik der...
