Leben im Koffer
Schon ein eindrucksvolles Requisit, so ein Reisekoffer. Kondensierte Biografie quasi, Träume, Enttäuschungen, Menschenleben. Also werden zunächst Koffer in einen imaginären Laderaum gewuchtet, zu Beginn der theatralen Spurensuche «Bye bye Hamburg» in der Thalia-Nebenspielstätte Gaußstraße: der Koffer von Kramer, ausgewandert 1653. Der Koffer von Diesinger, ausgewandert 1977. Der Koffer von Brinkmann, ausgewandert 1918, wird geöffnet, Inhalt: ein Zirkusplakat, ein Glockenspiel, Briefe.
Pascal Houdous steht an der Rampe und reimt sich zusammen, wer Brinkmann war, ein Leben im Nachlass, ein Leben in 100 Sekunden: Vielleicht entstammte Brinkmann einer Schaustellerdynastie, vielleicht hatte er in Europa keine Chance, vielleicht wusste er in Amerika, seine Chance zu ergreifen, vielleicht wurde er Raubtierdompteur, vielleicht war auch alles ganz anders. Es berührt einen, wie Houdous dieses Leben atemlos vor einem ausbreitet, aber diese Berührung arbeitet mit verhältnismäßig billigen Tricks.
Es gibt zur Zeit einen kleinen Trend, Migration nicht von außen als Immigration zu erzählen, sondern von innen, als Emigration. Thomas Arslan machte das im Kino mit seinem Berliner-Schule-Western ...
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Theater heute Februar 2014
Rubrik: Chronik, Seite 58
von Falk Schreiber
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Der Choreograf Iván Markó und seine Compagnie Ungarisches Festival Ballett verbeugen sich beim Schlussapplaus ihrer Premiere. Sie haben gerade «Die Tragödie des Menschen» getanzt, ein Drama des ungarischen Nationaldichters Imre Madách aus dem Jahr 1861. Plötzlich steht ein junger Mann in der vierten Reihe auf und protestiert mit seinem Megafon gegen die immense...
Im ersten Moment meint man, sie schauten einen an. Und doch ist es vielmehr der eigene Blick, der irritiert. Der Blick auf drei Dutzend schwarze Schaufensterpuppen, die während der gesamten Aufführung von «Schande» nach dem gleichnamigem Roman des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers John M. Coetzee unbeweglich auf der Bühne der Münchner Kammerspiele...
