Pädagogen
Lehrer darf man nicht unterschätzen. Spätestens seit Heinrich Manns «Professor Unrat» steht fest, dass noch im spießigsten Moralapostel und Schülerquäler ein lüsterner Anbeter verruchter Barfußtänzerinnen steckt, ein potenzieller Zuhälter, Spieler und Amokläufer gegen das System, das er selbst verkörpert und dem er alles verdankt. Natürlich darf man Pädagogen auch nicht überschätzen.
Welcher Lehrer, der heute seinen Schülern die Lektüre des Romans von 1905 auferlegt, rechnet schon damit, mit jenem lächerlichen Tyrannen Emanuel Raat verglichen zu werden? Beruhigend erstreckt sich beträchtliche historische Distanz zwischen der wilhelminischen und der bundesrepublikanischen Gesellschaft, die es in Klausuren herauszuarbeiten gilt.
Mit diesem geschichtlichen Abstand hat Regisseur Sebastian Baumgarten am Maxim Gorki Theater indessen so seine Schwierigkeiten. Einerseits buchstabiert er die Roman-Handlung ohne nennenswerte Eingriffe nach (Ausnahme: Raat erwürgt seine halbseidene Rosa), andererseits zeigt er wenig Ehrgeiz, Historisches zu rekonstruieren. Auf dem Dach eines aufgerissenen Containers (Bühne Alexander Wolf), der erst als Garderobe, dann als Wohnzimmer dient, begleitet die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
1978 «Leonce und Lena», Büchner, Volksbühne Berlin
«Mein Herr, was wollen Sie von mir?» Ein schlaksiger junger Mann im hellen, heruntergekommenen Anzug, die Melone tief ins Gesicht gezogen, hat die Bühne betreten. Auf der leeren, öden Szene, von einer schäbigen Treppe gebildet, die sich im Orchestergraben verliert, ein einsamer Stuhl. Aus einer 08/15-Aktentasche...
Als glotzäugiger Mädchenschlitzer Schrott mit den süßen «Igeln» hat Gert Fröbe 1958 für Generationen von Fernsehzuschauern den Prototyp des Mitschnackers verkörpert. Die Verfilmung eines Dürrenmatt-Drehbuchs unter dem Titel «Es geschah am hellichten Tag» bot mit Fröbe und seinem Gegenspieler Heinz Rühmann zwei einprägsame Modelle für kranke Zielstrebigkeit unter...
«Die Gedanken werden besinnungslos», hat Elfriede Jelinek in einem Kommentar zu «Macht nichts. Eine kleine Trilogie des Todes» geschrieben. Ein dazwischengerutschter Satz vielleicht, womöglich aber auch Teil der Jelinekschen Poetologie: Was sind ihre Sprachspiele und Metonymien anderes als ein Entwischen vor der Besinnung, ein fortwährendes Flüchten vor der...
