Sprechen oder Nachsprechen?
Ich glaube nicht mehr an das Theater. Jedenfalls nicht in der Form, bei der sich eitle Nostalgiker an ihre sinkenden Theatermuseums-Schiffe klammern und laut schreien, weil keiner die Reparatur bezahlt. Da sitzen sie, die alten Männer aus der alten Zeit, und pinseln noch mal neue Farbe auf die Bretter, die sie eigentlich hätten erneuern müssen. Sie haben ihre wichtigste Lobby, das Publikum, verloren. Weil sie es jahrelang mit Klassikerinszenierungen eingeschläfert haben, bis nur noch Menschen zum Schlafen bei Klassikerinszenierungen ins Theater gingen.
Sie haben zwar das Schnarchen gehört und in Dramaturgiesitzungen versucht, Ideen zu entwickeln. Aber mit Konzerten und Popmusik die alten Leute aufzuwecken und die Jugend zu locken, hat dann doch nicht funktioniert. Das Feeling stimmte einfach nicht, und sie verwechselten Pop mit Populismus. Die Kids waren eh verloren, nachdem Theaterpädagogen die Schulen in «Kabale und Liebe» telefoniert hatten. Mit dem gleichen Eifer haben sie Migrantenstadl veranstaltet, Oper auf frech geschauspielt oder sonntags über harte Sachen wie Krieg und Hunger bei Kaffee und Kuchen diskutiert.
Aber je beliebiger ihre Projekte und Profile wurden, umso ...
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Theater heute Jahrbuch 2014
Rubrik: Reale Utopien, Seite 12
von András Siebold
Die einzige Kirche, die erleuchtet ist, ist eine, die brennt.»
Dieses Stück ist eine Zumutung. Es beginnt mit einer elend langen Hasstirade, dem Monolog einer alternden Frau, bestehend aus anklagenden Hauptsätzen voller Obszönitäten. Es steigert sich zu einer Aufzählung von Psychopharmaka, die in alphabetischer Reihenfolge ausgespuckt werden. Ein präpubertärer...
Bisher standen Publikumsgespräche ja nicht unbedingt im Verdacht, zu den kontroversesten Genres des Bühnen-Business zu gehören. Zumindest nicht unter den beteiligten Schauspielern: Man gibt kollektiv Auskunft, wie man die schieren Textmassen bewältigt, welcher Inspirationsquellen man sich bedient oder womit man – im aufregendsten Fall – den Regisseur getriezt hat;...
Das ideale Theater hat in meinem Traum folgenden Spielplan:
«Othello» – Regie Peter Zadek, Deutsches Schauspielhaus Hamburg 1976
«Gänge» – Choreografie William Forsythe, Frankfurt 1983
«La tragédie de Carmen» – Regie Peter Brook, Théâtre des Bouffes du Nord 1983
«Die Macht der theaterlichen Torheiten» – Regie Jan Fabre, Troubleyn Theater Amsterdam 1984
«Küsse Bisse...
