Kurz vor der Erkenntnis
Ursprünglich hatte Charlotte Roos «Wir schweben wieder» mit dem Arbeitstitel «Brillen» überschrieben. Brillen stehen im Kontext des Stückes für eine bestimmte Weltanschauung, eine Haltung, eine gesellschaftspolitische Perspektive auf die Gegenwart. Sie stehen aber auch für mangelhaftes Sehvermögen, das die Autorin an einer Stelle als immer gleiche Kurzsichtigkeit «mit einer Hornhautverkrümmung am linken Auge» präzisiert.
«Wir schweben wieder» erzählt von fünf unterschiedlichen Typen unserer Zeit, die in komischer Verzweiflung durch das weltanschauliche Dickicht der Gegenwart irren und nach Durchblick suchen. Ansonsten verbindet die fünf erst einmal wenig. Wie einsame Satelliten umkreisen sie ein Thema, monologisieren, schrauben sich immer weiter in ihre Perspektive hinein und sind schließlich kaum mehr anschlussfähig.
Laura übersetzt auf dem Weltklimagipfel Brandreden des venezolanischen Präsidenten gegen die imperialistische Weltdiktatur, kann aber inhaltlich anscheinend nicht immer ganz folgen. Ihr dauerdepressiver Freund Carl leidet währenddessen an völliger Gleichgültigkeit: fehlende Energie, Motivationsverlust, erschöpftes Selbst. «Das wird schon wieder», echot sein Umfeld. ...
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Theater heute Jahrbuch 2013
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 177
von Franziska Betz
Jalta? Verdammt, was war das noch? Traumhafte Kulisse, perfektes Welttheater. Was 1943 auf der Teheran-Konferenz arrangiert und 1945 in Potsdam umgesetzt wurde – in Jalta wurde schon mal darauf angestoßen. Ein Intermezzo, ein Treffen der «Großen Drei» bei kaukasischem Champagner. Ein PR-Coup Stalins, den Blick klar auf eine neue Weltordnung gerichtet. Diese hielt...
Er hat einfach zu viel erlebt in seiner Laufbahn. Das Problem mit ihm ist, dass er bereits siebzig Jahre existiert und den Erfahrungshorizont eines Siebzigjährigen hat, aber im Körper eines Neunzehnjährigen gefangen ist. Er ist inzwischen keine Projektionsfläche mehr, sondern ein vielschichtiger Charakter. Das können wir nicht brauchen.»
New York City im Jahr 1941....
Jedem der Stücke von Elfriede Jelinek geht ein fassbarer Schreibanlass voraus. Das ist nicht erst offenkundig, seit sie diesen das eine oder andere Mal auch einfach drüber schreibt und Sekundärdramen verfasst wie «Abraumhalde» (zu Lessings «Nathan der Weise»), «FaustIn and Out» (zu Goethes «Faust») oder «Rein Gold» (zu Wagners «Ring des Nibelungen»). Meist aber...
