Requiem fürs Programmheft

Jean Baudrillard, gestorben am 6. März 2007 in Paris, Theoretiker der Postmoder­ne, war einer der meistge­druckten Philosophen in deutschsprachigen Pro­grammheften. Seine Denk­figur vom Ende der Wirklich­keit in einer Scheinwelt referenzloser Zeichen war der radical chic der achtziger Jahre und kam selbst an ein Ende, als er sich dem Phänomen des Terrorismus zuwandte. René Pollesch, Autor und Regisseur, denkt Baudrillards letzte Wendung weiter.

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Theorie muss im Theater immer in Programmheften gefan­gengehalten werden, sonst würde sie den ganzen Laden auffliegen lassen.

«Die Gewalt des Konsens und der forcier­ten Zusammengehörigkeit, die, wie eine Schönheitschirurgie des Sozialen, die Wurzeln des Übels und jeder Radikalität auszureißen trachtet; die jede Form der Negativität und Singula­rität einschließlich der letzten Form der Singularität, die unser Tod ist, löscht; die Gewalt einer Gesellschaft, die uns das Negative und den Konflikt und den Tod untersagt …» oder, ebenfalls Baudrillard: «Das Evangelium der Sentimentalität», das Daueroperieren mit dem Begriff der Liebe, dem nicht nur bedeutungs­schwersten, sondern auch «schwammigsten Wort unserer Sprache». Baudrillard, ernstgenommen auf einer Bühne, würde die Lesbarkeit der Veranstaltung, was Liebe und Leben betrifft, kolossal einschränken und zu erheblichen Missverständnissen führen, vor allem bei Beibehaltung einer Darstellungspraxis, die auf Psychologisierung und Ästhetisierung setzt und dadurch erst ihre ganze neutralisierende Kraft gewinnt.

Theateraufführungen, in denen gesichert von der Liebe wie von einer «allgemeinen Verteilungs- und Integrationsform, vor der alle ...

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Theater heute April 2007
Rubrik: Foyer, Seite 1
von René Pollesch

Vergriffen
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