«Weissensee» am Weißen Hirsch

Armin Petras und Jens Groß haben 1000 Seiten Tellkamp-«Turm» zum Dialogstück geschrumpft, Wolfgang Engel hat es in Dresden inszeniert

Theater heute - Logo

Wer am Staatsschauspiel Dresden den «Turm» uraufführen will, begibt sich in harte Konkurrenz. Uwe Tellkamps Tausendseiter aus dem Ärzte-, Lektoren- und Hausmusikanten-Milieu der 1980er Jahre, das sich in bester Dresdner Elbhanglage vor den diktatorischen Zumutungen des Proletariats verschanzt, hat längst gewaltige performative Energien entfesselt: Seit die «Geschichte aus einem versunkenen Land» zum Bestseller avancierte, ist es praktisch unmöglich, einigermaßen zackig das Villenviertel «Weißer Hirsch» zu passieren.

Auf Schritt und Tritt stolpert man über verzückte «Turm»-Touristen, die unter fachkundiger Anleitung hinter verschnörkelten schmiedeeisernen Zäunen nach jenen Reservaten des Bürgerlichen suchen, die Tellkamp in ebenso verschnörkelten Sätzen – und unter Berufung auf sämtliche literarischen Großmeister von Goethe bis Thomas Mann – beschrieben hat.

Wer es ganz genau wissen will, führt auf dem «Turm»-Trip die Decodierungsliste des Dresdner Antiquars Horst Milde mit sich, der im Roman Malthakus heißt. Darauf ist zum Beispiel zu lesen, dass sich hinter dem fiktiven Systemträger Barsano der reale Erste Sekretär der SED-Bezirksleitung Dresden Hans Modrow verbirgt, für den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2010
Rubrik: Aufführungen, Seite 24
von Christine Wahl

Vergriffen
Weitere Beiträge
Ärmel zu Ärmel, Vers zu Vers

Eine Wand aus Mänteln. Portalbreit und bis in den Bühnenhimmel hoch drängen dicht an dicht, Reihe über Reihe, die alten Überzieher in Grau und grauer; es müssen weit über 1000 sein. Manchmal sind auch ein paar hellere Teile darunter, Aufschläge vergangener Epochen bringen etwas Abwechslung in die monumentale Garderobe. Wenn im fahlen Licht der ganze Apparat...

In der Einfalts-Endlosschleife

Die Bühne ist ein Blendax-weißer Kasten, nach hinten flachstufig ansteigend: Sieht super aus, erst recht im Kontrast zum altgolden Neurokoko des Saals. Und, um es gleich zu sagen, der aseptische Leer-Raum von Johannes Schütz ist das Beste an der Peymann-Inszenierung «Freedom and Democracy I hate you» von Mark Ravenhill im Berliner Ensemble.

Der jugendkultig...

Blinklichter

Herr Staatsanwalt belieben zu fluchen. Spätnachts, eingekerkert zwischen Aktenordnern, grübelt und grummelt Martin Hug im Basler Schauspielhaus dem unsinnigen Selbstzweck der Arbeit hinterher. Ein Fall irritiert den überarbeiteten Juristen: Ein braver Bankangestellter hat einen nicht minder braven Hauswart mit der Axt erschlagen. Motiv: keines. Das bringt das auf...