Biologische Uhren und Turbokapitalismus
Und wenn ich mich trotzdem vermehren will? Sie hat die Schnauze voll von scheiternden Beziehungen und den endlosen Was-wäre-wenn-Gesprächen und Selbstbefragungen, die irgendwann einmal zu der Zeugung eines gemeinsamen Kindes führen könnten. Sie entscheidet sich, eigenständig zu handeln.
Und trifft auf den Arzt, einen erfolgreichen Reproduktionsmediziner, der legale Fragen und die ethisch-moralischen Aspekte seiner Arbeit großzügig ignoriert.
Für ihn stehen die Wünsche seiner Patientinnen im Vordergrund, zu deren Erfüllung er die gesamte Palette der medizinischen Möglichkeiten ausschöpft.
Der Arzt und seine Kinderwunschpatientin merken schnell, dass sie noch ein weiteres gemeinsames Interesse haben: Kapital. Er will seine Praxis vergrößern, sie arbeitet bei einem Finanztechnologieunternehmen und wittert in seiner Branche das neue große Ding. Und so schließen sie einen Pakt: Er macht ihr ein Kind, und sie besorgt ihm die Investoren, die aus seiner Praxis ein globales Unternehmen machen.
Das Figurenpersonal wird vervollständigt durch den Assistenten, den der Arzt als Avatar für die Spendermänner der Samenzellendatenbank einsetzt, der gleichzeitig aber auch eine ganz eigene Agenda ...
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Theater heute Jahrbuch 2016
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 172
von Katja Herlemann
Als ich auf die Welt kam, lag die Welt in Asche. Ich wurde 1946 geboren. Ein halber Kontinent war zerbombt, und Millionen Menschen waren hingerichtet oder zwischen den Fronten getötet worden. Die deutschen Nationalsozialisten hatten gerade noch in ihren grenzenlosen Allmachtsfantasien gestoppt werden können. Mein Land, die Niederlande, war dank der Alliierten...
In Pier Paolo Pasolinis Jesus-Film «Das 1. Evangelium – Matthäus» fährt die Kamera immer wieder langsam über die Gesichter derer, die gekommen sind, um Jesus zuzuhören. Pasolini hat seine Komparsen in Südtalien gecastet, einfache Männer aus der Basilicata, Hilfsarbeiter, Bauern, Tagediebe. Das Leben und die Sonne haben ihre Physiognomien verschieden geprägt, manche...
Was darf die Kunst? Alles! Weil sie ein Privileg ist.
Freiheit braucht Kunst. In der deutschen Gesellschaft kommt Kunst unter anderem die Aufgabe zu, kritisch zu sein. Und Gesellschaftskritik soll in einem demokratischen Gemeinwesen gefahrlos möglich sein: Nach Artikel 5 des Grundgesetzes – «Eine Zensur findet nicht statt» – ist staatliche Vorzensur untersagt.
K...
