Mehr Kampf, mehr Frust, mehr Intensität
Letzte Nacht habe ich nicht geschlafen, weil am Ende meiner Straße so viele Hunde heulten. Am nächsten Morgen heißt es im Radio, dass es 18.000 von ihnen gibt. 18.000 streunende Hunde in einer Stadt. Als ich aus dem Fenster blicke, wühlt jemand in der Mülltonne. Die Tonnen stehen immer offen, auch wenn sie einen Deckel haben. Es ist ein Roma, der wahrscheinlich alte Pappe sammelt, um sie zu trocknen, zu pressen, zu schnüren und wieder zu verkaufen. Achtlos wirft er etliche Gegenstände aus der Tonne, bis er ein dickes Taschenbuch greift.
Anstatt es zu entsorgen, öffnet er es und liest sich fest.
Ich breche auf zum größten Markt der Stadt. Früher hatte er mehr Stände, heute ist er sauberer und teurer. Hier oben, auf dem höchsten Punkt der anderen Stadt auf sieben Hügeln, sieht man den typischen Nebeldunst kaum. Die Cafés sind brechend voll, die Leute sehr arm oder sehr schick, wir könnten auch in Málaga oder in Odessa sein. Oder doch eher in Neapel. Gestern hat es eine Schießerei gegeben, höre ich beim ersten Frischgerösteten des Tages, und Francis Ford Coppola hätte sie nicht besser filmen können. Das war eine echte Mafia-Abrechnung; ein Auto samt Insassen wurde zersiebt, mitten ...
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Theater heute Januar 2012
Rubrik: Ausland, Seite 4
von Branka Schaller-Fornoff
Eine schmucke kleine Hochzeitsgesellschaft, vielleicht irgendwo auf dem Balkan, wo das legendäre Illyrien liegen soll, vielleicht auch bloß beim Griechen in Bochum-Stiepel. Die Braut trägt Weiß, der Vater des Bräutigams packt langen Unsinn in eine kurze Rede, der Kellner ist nervös, der Bräutigam gibt sich Mühe, nett zu sein. Bis dahin ist alles korrekt (abgesehen...
Lässt die französische Hausfrau ihrem Unmut freien Lauf, wissen die Kinder, dass sie sofort ihr Zimmer aufräumen müssen. Immerhin hat die Mama mit ihrem «Oh, le bordell» einen Zustand der größtmöglichen Unordnung markiert, den sie nicht mehr länger zu dulden gewillt ist.
In etwa so ist es auch in Shakespeares «Maß für Maß» und Jean Genets «Der Balkon», die jetzt in...
Kann man euphorischer starten? «Das Theater ist der Ort, wo Wirklichkeit und Fiktion aufeinandertreffen, und es ist der Ort, wo beides seine Fassung verliert in einer heiligen Kollision. Das Theater ist der Berg Harmagedon!» So heißt es in Wolfram Lotz’ «Rede zum unmöglichen Theater», die heftig wettert gegen Theatermacher, die «die Fiktion auf dem Altartrara der...
