Sog des Jammerns
Smart sieht er aus, dieser Iwanow, der jetzt Nikolas «Nicki» Hoffmann heißt: Wie er so traurig in den Himmel guckt, dabei von der Videokamera eingefangen und an die Rückwand der Bühne gezoomt wird, während die melancholische Songwriterstimme von Bill Callahan erklingt, der eine traurige Ballade von Dunkelheit und sterbenden Schatten singt. Ein bisschen wie im Film ist das.
Immer zwischen den Akten werden im Stuttgarter Schauspielhaus solche Emo-Sequenzen eingebaut in Robert Ickes Inszenierung von Tschechows «Iwanow».
Vor dem zweiten Akt taumeln zur gefälligen Video-Replik sogar noch bunte Luftballons von oben herunter und künden die Party bei den Lehmanns an, die im Original Lebedew heißen. Aber am Ende füllt sich der Heckmeck mit der Videokamera doch noch mit ein bisschen Sinn. Nachdem sich Iwanow die Pistole in den Mund gesteckt und erschossen hat, sieht man ihn aus der Vogelperspektive in einer Blutlache liegen. Die Familie seiner Braut in spe beugt sich über seinen toten Körper, schreit und heult, während der Iwanow-Darsteller Benjamin Grüter sich erhebt und leise den Saal durch den Zuschauerraum verlässt. Ein trefflich inszeniertes Ende – das freilich allzu sehr an ...
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Theater heute Januar 2020
Rubrik: Aufführungen, Seite 18
von Verena Großkreutz
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Dass das Individuum und seine Lebensführung in der Spätmoderne in eine grundsätzliche Krise geraten sind, ist ein verbreitetes Thema der kulturkritischen Debatte der Gegenwart. Das, was Alain Ehrenberg das «erschöpfte Selbst» nannte, wird in diesem Zusammenhang allenthalben beklagt.(1) Risiken der Überforderung und Überanstrengung scheinen das spätmoderne Subjekt...
Man sitzt auf rotem Samt im Cuvilliéstheater, feinstes Rokoko aus dem 18. Jahrhundert, vorrevolutionär versteht sich, als Fürsten die Kunst gern noch zum Spiegel ihrer Herrlichkeit erklärten. Auf der Bühne vorn an der Rampe aufgereiht vier rote Polsterstühle wie in den Logen, dahinter schwebt eine dunkle Wand, mindestens fünf mal fünf Meter, aus...
