Utopie war gestern

Thomas Freyer «Das halbe Meer» (U, Kleines Haus, Staatsschauspiel)

Theater heute - Logo

Ausgerechnet eine Frau mit Namen Schlicht bringt die Utopie von gestern zu Fall. Dabei hatte doch alles ein paar Jahrzehnte lang gut funktioniert. Auf einer einsamen Insel haben sich ein paar Gleichgesinnte zusammengefunden, die auf Geld verzichten, einander bei allen täglichen Verrichtungen helfen und ganz bescheiden von Ackerbau und Viehzucht leben. Was man unbedingt von außen braucht, besorgt sich die aufrechte Selbstversorger-Gemeinde von vorbeifahrenden Schiffen, die dafür ihren Proviant aufbessern.

Erst als ein Fremder mit individualistischen Anwandlungen auftaucht, die Eifersucht unter den beiden Insel-Jugendlichen wächst und plötzlich auch noch die Schiffe ausbleiben, wird die Situation langsam kritisch.

Als eben jene Frau Schlicht dann auch noch ihre Machtgelüste entdeckt und mit etwas Geld
und Intrigen die schöne Gleichheit wegputscht, bricht alles zusammen. Thomas Freyer hat mit «Das halbe Meer» eine munter brechtelnde DDR-Parabel geschrieben, die sich ein altfränkisches Märchen-Deutsch strickt, auf rumpelnde Songs nicht verzichtet und am Ende alle Schuld am Scheitern einer wildgewordenen Kleinbürgerin auflädt. So erfährt die Welt endlich, woran die beste aller Welten ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juni 2011
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Am Grund der Wörter

Se souvenir, drôle d’idée», sagt der Ingenieur am Schluss: Sich erinnern, was für ein sonderbarer Gedanke. Am 17. August 1893 haben in den Salinen von Aigues-Mortes in Südfrankreich eine Meute von Franzosen acht Italiener gelyncht. Es war vieles zusammengekommen, harte Arbeitsbedingungen, denen sich die italienischen Reisbauern besser anpassten als die...

Mutterland aller Migration

Wer «Türkei» sagt, denkt inzwischen zwangsläufig an den Mitbürger mit Migrationshintergrund. Das war auch jetzt so, da der Heidelberger Stückemarkt nicht nur das bislang spannendste Gastland vorstellen, sondern begleitend dazu auch auf eine große Zahl deutscher Produktionen aus deutschen Landen zurückgreifen konnte, die sich dem Thema «Integration» widmen. Das...

Aufbau West

Man kann sich das so vorstellen: In der Nacht von Sonntag auf Montag wird es eng auf
der A5. Baukolonnen aus dem Osten reisen an, um in der Frankfurter City die Patrizierhäuser wohlhabender Bürger zu sanieren. Ricki, Uli und Rudi zum Beispiel sollen die immobile Erbschaft eines jungen Wessis auf Vordermann bringen. Im Moment allerdings geht es nicht so recht voran....