In Zeiten der Enteigentlichung

Spielzeitbeginn am Deutschen Theater mit einer Sternheim-Show von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner und «Warten auf Godot» in memoriam Dimiter Gotscheff

Theater heute - Logo

Vier Tage nach der Saisoneröffnung im Deutschen Theater Berlin wurde rund um die Hauptstadt in Brandenburg gewählt. Und, oh Schreck, die ziemlich neue nationalkonservative Partei mit dem kraftvollen Namen «Alternative für Deutsch­land» wilderte für ihre 12 Prozent nicht nur kräftig in der Stammwählerschaft der CDU, sie bediente sich auch bei sämtlichen anderen Parteien, einschließlich der Linken. Lechts und rinks konnten die 49 Prozent der Wahlberechtigten, die sich überhaupt zu diesem Wahlgang aufraffen mochten, wohl nicht mehr so ganz unterscheiden.

«Was war denn gleich noch mal links?», hatte zweifelnd beim Premierenabend von Tom Kühnels und Jürgen Kuttners Sternheim-Bearbeitung «Tabula rasa – Gruppentanz und Klassenkampf» auch Jörg Pose aus der ersten Reihe gefragt und ein paar zaghafte Vorschläge gemacht: «Lange Haare? Haschisch? Minirock?» Die große ideologische Verwirrung der Jetztzeit hatte Carl Sternheim schon 1919 konstatiert. Da lag der erste große Sündenfall der Sozialdemokratie gerade fünf Jahre zurück, die Zustimmung zum Kriegseinsatz.
 
Laute Wasser, nicht sehr tief

Kühnel/Kuttner bedienen sich des 100 Jahre alten Textes für ein grundsätzliches SPD-Bashing quer durch die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute November 2014
Rubrik: Aufführungen, Seite 13
von Barbara Burckhardt

Weitere Beiträge
Fenster ohne Vorhang

Vor einigen Jahren, ich war Dramaturg am Schauspielhaus Bochum, später in Zürich, wurde mir das deutschsprachige Produktionssystem unheimlich, weil seine Begriffe, mit denen ich aufgewachsen bin und auch gewohnheitsmäßig umging, nicht mehr zu erfassen schienen, was da plötzlich entstanden ist in den späten 90ern und frischen Nullerjahren des neuen Milleniums....

Salonbesudelung / Gestrandet

Fünf junge Männer, aus ihrer Jugend gerissen, an die Front. Lars-Ole Walburg verzichtet in seiner Inszenierung von «Im Westen nichts Neues» auf die naheliegende Versuchung, Remarques Schlachtenlärm mit allen technischen Mitteln des Großen Hauses wirkungsvoll in Szene zu setzen, sondern verwandelt den Roman in ein ganz auf Empathie setzendes Kammerspiel.

Ein...

Am Rand der Erschöpfung

Norwegen erlebt eine Literaturdebatte, wie es sie wahrscheinlich seit den Aus­einandersetzungen um den Nobelpreisträger und Hitler-Bewunderer Knut Ham­sun nicht mehr gegeben hat und deren erster Teil ganz allein der Entscheidung zur Vergabe des Internationalen Ibsen-Preises galt.

Es war ein Streit mit teilweise erbitterten Angriffen auf den Autor Peter Handke und...