Spielplatz der Untoten
Die Pubertät als Zeit der naturwüchsigen Rebellion ist hierzulande seit längerem eine aussterbende Lebensphase. Sage und schreibe 70 Prozent aller deutschen Jugendlichen wollen ihre Kinder haargenau so erziehen, wie sie selbst groß geworden sind, fand die 14. Shell-Jugendstudie 2002 heraus. Die Revolte ist, wenn sie überhaupt stattfindet, auf die Fußballplätze ausgelagert. Wenn der Nachwuchs an seinen netten, H&M-kompatiblen Eltern überhaupt etwas zu meckern habe, dann sei es der Umstand, dass die Altvorderen zu «schwammig» sind, keine Reibungsfläche bieten. Herrliche Zeiten.
Öde Zeiten. Wo keine Reibung ist, ist keine Wut, wo keine Wut ist, verkümmert die Kunst.
Das sah vor vierzig Jahren anders aus, als eine ganze Generation auf die Straßen ging, um ihre in Nazizeit verstrickte und im Wirtschaftswunder verfettete Elternschaft abzuservieren – die coolen Langweilereltern von heute. Und vor hundert Jahren war Jungsein offenbar ein Programm an sich. Im «sehr kalten Frühjahr» 1913 riss es einen 17-Jährigen namens Arnolt Bronnen früh morgens aus dem Bett, und wie im Rausch schrieb er sich seinen bebenden Zorn auf eine Normen wie Zwangsjacken setzende Gesellschaft von der Seele, in einem ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Seit September hat das Wiener Volkstheater einen neuen Direktor. Diesen Satz konnte man zuletzt vor siebzehn Jahren schreiben, als mit Emmy Werner erstmals einer Frau die Leitung einer großen Wiener Bühne übertragen worden war. Zum Nachfolger der Langzeitintendantin wurde der Wiener Regisseur und Schauspieler Michael Schottenberg berufen. Keine besonders...
Am Ende steht Teiresias im schwarzen Anzug etwas verloren am hinteren Bühnenrand und guckt auf das Etikett der Rotweinflasche in seiner Hand. Welcher Jahrgang ist das bloß? Pentheus ist zerrissen, Mutter Agaue und Papa Kadmos ins Barbaren-Exil vertrieben, das schöne Theben zerstört, und Dionysos hat den aufgeklärten Hellenen mal wieder gezeigt, wo der Hammer hängt....
Da stehen sie in einer Reihe. Bevor in Hannover das große Schlachten anhebt, befinden sich Richard Gloster, seine künftigen Opfer und deren Angehörige auf Augenhöhe. Ein jeder spricht ein paar alarmierte Thesen von Baudrillard oder Giorgio Agamben und trägt so sein Scherflein zur Gegenwartsdiagnose bei, derzufolge wir sexuell, politisch und ästhetisch komplett auf...
