In Auflösung: Philipp Hauss (Carl Joseph von Trotta) und Johann Adam Oest (Maler Moser) in «Radetzkymarsch», inszeniert von Johan Simons am Burgtheater Wien; Foto: Marcella Ruiz Cruz/Burgtheater
Postheroisches Unglück
Das «Radetzkymarsch»-Kapitel, in dem Joseph Roth einen Tag kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus der Sicht des Kaisers Franz Joseph I. beschreibt, ist von gemütvoller, ja geradezu zärtlicher Diktion. Ein Ton, in dem die nachlassende Lebenskraft, aber auch die weise Gelassenheit eines alten Mannes aufscheint, dessen Leidenschaften nur noch in Watte gepackt vor sich hinsimmern.
Gleichwohl erfährt der Kaiser kurz vor Kapitelende eine rührende Irritation, als er dem Leutnant Carl Joseph von Trotta gegenübersteht und glaubt, dessen Vater sei jener «Held von Solferino» gewesen, der ihm einst das Leben rettete. Als er erfährt, dass es sich um dessen Enkel handelt, erschrickt er vor seinem eigenen Alter: «Dabei bemerkte er nicht, dass an seiner Nase ein glasklarer Tropfen erschien und dass alle Welt gebannt auf diesen Tropfen starrte, der endlich, endlich in den dichten, silbernen Schnurrbart fiel und sich dort unsichtbar einbettete.»
In Johan Simons’ und Koen Tachelets Bühnenadaption von Roths «Radetzkymarsch» ist an dieser Stelle Johann Adam Oest in eine cremeweiße Uniformjacke geschlüpft, die er über der Unterwäsche offen lässt. «Wir haben den Krieg nicht gern», spricht dieser ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Februar 2018
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Eva Behrendt
Über die Schweiz liefen 75 Prozent der Devisengeschäfte des Dritten Reiches, seit 1940 belieferte das neutrale Land ausschließlich die «Achsenmächte» Deutschland und Italien mit Waffen, 1942 schloss es seine Grenzen für jüdische Flüchtlinge. Doch das Bild einer Schweiz, die die Jahre 1933 bis ’45 in Neutralität und fern jeder Mitschuld an den Verbrechen des...
Es war, man traut sich das heute kaum zu sagen, keineswegs alles immer gut an Frank Castorfs Berliner Volksbühne. Nehmen wir zum Beispiel die Volksbühnenbulette. Mit Schaudern erinnere ich mich an den Premierentag, an dem ich kurz vor Vorstellungsbeginn am Volksbühnenbüffett eine solche original Volksbühnenbulette verzehrte. Hellbraun war ihre Farbe, knusperzart...
Von wegen, es gebe keinen Fortschritt: Gemessen an den neureichen, trunksüchtigen schlesischen Kohlebauern von 1889 hat sich im mittelständischen Bereich bis heute einiges bewegt. Es ziehen keine ausgehungerten depravierten Arbeiter aus den Bergwerken mehr durch die Straßen, die Unternehmer bekennen sich zu ihrer sozialen Verantwortung, wenn sie um ihre...
