Die Kunst der Inventarisierung
Idealtypischer könnte so ein Tag in Wiesbaden kaum enden. Da kommt man von einem spätnachmittäglichen Ausflug von der russisch-orthodoxen Kapelle auf den begrünten Hängen des Nerobergs zurück zum alten Kurzentrum mit seiner klassizistischen Spielbank, in der schon Fjodor Dostojewski den einen oder anderen Rubel verjubelte. Und gleich nebenan im Staatstheater geht der Spaziergang gewissermaßen imaginativ weiter, dank Joël Pommerat und seinem Bilderreigen «Kreise/Fiktionen» (produziert mit seiner Compagnie Louis Brouillard für Peter Brooks Pariser Théâtre des Bouffes du Nord).
In gedämpftem Licht versucht hier ein alternder Aristokrat seine Dienstverhältnisse auf freie Lohnarbeit umzustellen, nicht zuletzt um dadurch intimer mit seinem Diener werden zu können. Das Spiel ist still und kühl, von minimalistischer Klaviermusik ummantelt und mit einem ausgeklügelten Duftdesign grundiert. Und während im Dunkel zwischen den kurzen Szenen die grünen Lampen an den Biennale-typischen Übersetzungsgeräten rundherum wie Glühwürmchen leuchten, meint man: Ja, so könnte es auch in den Gründerzeitvillen draußen auf der Wilhelmstraße zugegangen sein, als der Adel das politische Regime samt ...
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Schnell wird es dunkler auf der Bühne. Der an Schienen hochgezogene weiße Tanzboden, der die Bühne rahmt und in einen White Cube von museumsartigem Zuschnitt verwandelt, verliert seine gleißende Wirkung und wird matt. Tänzer und Tänzerinnen in knöchellangen weiten, schwarzen Musselinröcken postieren sich vor der Rückwand, als seien sie einem barocken Gemälde von...
Dass es vor allem um das Prekäre des Sprechens geht, viel mehr noch als um die prekäre Existenz der Krankenpflegerin Erika, verrät schon der Stummeltitel des neuen Stücks von Ewald Palmetshofers: «tier. man wird doch bitte unterschicht». Simone Blattner inszeniert es in Dresden. Auf ganze Sätze kann man sich bei Christoph Nußbaumeder verlassen. «Eisenstein», vom...
Fast ist es schon ein neues Genre, zumindest aber eine Erfolgsstory: das Stadtprojekt. Jedes deutsche Stadttheater, das etwas auf sich hält, machte sich in den letzten Jahren daran, die eigene Kommune und dabei besonders gern den Problem-Kiez unter die Lupe zu nehmen und auf schlummerndes dramatisches Potenzial hin abzuklopfen. Das bringt Bewegung ins...
