Ökonomie des Zufalls
Der Titel des neuen Stücks von Jonas Hassen Khemiri ist ein kleines mathematisches Zeichen: ≈ [ungefähr gleich]. Damit wird das mittlere der drei großen, nach wie vor uneingelösten republikanischen Versprechen «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» in den Blick genommen. Es sind große Fragestellungen, die, wie der Autor selber sagt, «das Schreiben beeinflusst haben, im Stück aber keineswegs beantwortet werden».
Fragen wie: «Inwiefern verändern wir uns dadurch, dass wir in einer Gegenwart leben, die sich auf Kredit gründet? Was geschieht mit einer Welt, die auf Zahlen reduziert wird? Was verbirgt sich hinter den Zahlen?» Khemiri, Sohn einer schwedischen Mutter und eines tunesischen Vaters, ist studierter Ökonom. Die Erkenntnisse der Makro- und mehr noch der Mikroökonomie bricht er in «≈ [ungefähr gleich]» herunter auf den Einzelnen: Er versammelt in 26 Szenen eine Handvoll Personen am unteren Ende der Einkommensleiter, die durch Ökonomie und Zufall miteinander verbunden sind.
Bei Peter ist die Haushaltskasse ein Pappbecher. Er ist obdachlos, hat von allen die geringsten Ressourcen und bettelt sich sein Tageseinkommen in Form von Kleingeld zusammen. Er sagt, er brauche das Geld, ...
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Theater heute Jahrbuch 2015
Rubrik: Neue Stücke der neuen Spielzeit, Seite 183
von Julia Lochte
Deutschland im Endspiel. Alle vier Jahre wieder. Und die Stadt stürzt sich in den sommerlichen Fußballrausch und vergisst für kurze Zeit die von Kriegen zerrissene Welt jenseits der eigenen Mauern. Alle vier Jahre wieder. Aber nicht alle können oder wollen sich mitreißen lassen. Udi, Roy, Serösha, Ulyana, Joanna und Üzüm kreiseln in den nächtlichen Strudeln ihrer...
Ein Schlüsselstein der neuen Basler Dramaturgie ist Darja Stockers neues Stück. Mit «Nirgends in Friede. Antigone» befragt die Schweizer Dramatikerin einerseits das Narrativ des antiken Mythos neu, andererseits dient ihr die sophokleische Tragödie auch als metaphorische Folie, um die Herrschaftslogik der gegenwärtigen Welt- bzw. Europapolitik in Frage zu stellen....
Sie haben alles richtig gemacht: Gerd, 57, Leitender Ingenieur in einem Baukonzern, liberal, witzig, lösungsorientiert, und Bettine, 51, ehemals im Marketing beschäftigt, reflektiert, empathisch, fürsorglich – er, als er auf eine weitere Stufe der Karriereleiter verzichtete, indem er aus den USA nach Deutschland zurückkehrte, sie, als sie vor zehn Jahren die...
