Ein sehr lebendiger Organismus
Über eine Theateraufführung kann nur schreiben, wer mit eigenen Sinnen und Verstand gegenwärtig war. So dachte man bisher, und so formuliert die Theaterwissenschaft und Theaterkritik ihr leidiges Problem, ein flüchtiges Ereignis analysieren und konservieren zu wollen.
Schon der Versuch eines Kritikers oder wissenschaftlichen Beobachters, während der Aufführung Notizen zu machen, Urteile zu erwägen und Formulierungen zu suchen, trennt ihn vom Publikum, das dem theatralischen Geschehen folgt und im gelungenen Falle nach den Wirkungen und Gesetzmäßigkeiten erlebt, die die Aufführung selbst zu erzeugen vermag. Der zu Urteil und Beschreibung gezwungene professionelle Zuschauer interveniert an dieser elementaren Beziehung von Kunstwerk und Erlebnis. Welchen Einfluss diese Intervention auf die Theateraufführung hat und wann sie zerstörerisch (Urteilszwang und Besserwisserei) oder gewinnbringend (Vorkenntnisse und gesteigerte Neugierde) ist, ist schwer planbar. Das Wahrnehmungsparadox, dass der Beobachter immer schon den Gegenstand seiner Beobachtung beeinflusst, gilt für das Theater und seine Zuschauer in konstituierender Art und Weise. Die Theaterwissenschaft kämpft seit jeher mit ...
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Vierte Vorstellung. In der Gaußstraße tummeln sich zwei Hundertschaften blondschwänziger Sechzehnjähriger mit reichlich Kajal ums Auge und hiphopbehosten Mitschülern an der Seite und kichern verzückt, wenn Romeo das Hemd fallen lässt und den wohlgeformten Oberkörper zur Besichtigung freigibt. Schon im Foyer wird ordentlich auf die Pauke gehauen. Wir sind geladen...
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Jahr für Jahr finden auf deutschsprachigen Bühnen mehr Ur- und Erstaufführungen neuer dramatischer Werke statt, allerorten veranstalten selbst kleinere Stadttheater Festivals mit neuen Stücken. An manchen größeren Häusern hat sich das schöne Modell der Hausautorenschaft etabliert. Dennoch gibt es in Autoren- und Verlegerkreisen größere Unzufriedenheiten mit der...
