Neugier und Verzweiflung
Die Schnellsprechhysterie hat etwas nachgelassen und auch der Punch beim Austeilen theoretischer Tiefschläge wirkt ein wenig gebremst. Bei seinem jüngsten Zwischenstopp an den Münchner Kammerspielen zeigt René Pollesch, der seit fast 15 Jahren Schauspieler und Zuschauer mit seinen diskursgesättigten Denkströmen in Atem hält, keinerlei Ermüdungs–erscheinungen, aber doch so etwas wie ein retardierendes Moment.
«Eure ganz großen Themen sind weg!» heißt diesmal die Titelschlagzeile, dennoch geht es um Liebe und Tod beziehungsweise um die heikle Frage, wie sich Intensität und Länge des Lebens in einer auf Genussoptimierung eingeschworenen Gesellschaft unter einen Hut bringen lassen.
Dazu hat sich das Pollesch-Pack diesmal ganz buchstäblich im Hohlraum des eigenen Bewusstseins eingenistet und campiert in einem riesigen hölzernen Totenkopf, den Bert Neumann vor einem Fotorundhorizont mit Trailerpark in ausgesucht öder Vorstadttristesse aufgebaut hat und der mittels einer Kurbelvorrichtung dem Publikum die rotschillernde Zunge herausstrecken kann. In den Augenhöhlen funkeln verheißungsvoll aufgereihte Rummelplatzglühbirnchen, oder jemand lässt vorübergehend einfach mal den Vorhang ...
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Theater heute Juni 2012
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Silvia Stammen
Die Außenwelt scheint verloren, doch von innen fängt alles erst an. Der Einsame im Krankenbett liegt bei Gralf-Edzard Habben (Bühne) auf einem Steg aus sterilen weißen Kacheln in einem Meer aus schwarzen Ascheflocken. Dann öffnet sich das Fenster hinter dem Todgeweihten mit metaphysisch-dunklem Rauschen und lässt die schwarz gekleideten, bleichgeschminkten Ahnen...
Ein ungarisch-österreichisches Grenzschloss bei Rechnitz Mitte des vergangenen Jahrhunderts atmet einen gewissen Stil. Die rautenbespannten Wände, die Reitstiefel in der Garderobe verbreiten gediegene Jagdschloss-Atmo, gleich kommt der Herr Graf um die Ecke und bittet zur Fuchsjagd. Stattdessen schauen fünf grinsend befrackte Schlossgespenster herein, edel...
Borchert, unplugged – das hätte man sich so vorzustellen: 50 Seiten Text voller Pathos, voller Redundanz, 16 Rollen, u.a. der liebe Gott, der Tod und die Elbe, das Ganze gipfelnd im Aufschrei: «Gibt mir denn keiner, keiner Antwort???»
«Draußen vor der Tür» ist eine invertierte Odyssee, der späte Kriegsheimkehrer erscheint nicht als kraftstrotzender Bogenschütze,...
