Nachruf: Der letzte Abend mit meinem Professor
Professor Andrzej Wirth würde ich zutrauen, auch noch nach seinem Tod überraschend aufzutreten. Zwei Tage nach seinem Tod bin ich alleine in meiner Wohnung, die einmal seine war. Ich sitze im Wohnzimmer, das er Studio nannte, und höre die Badezimmertür zuschlagen. Ich schaue nach, aber da ist niemand. Ich laufe ins Arbeitszimmer, das er Salon nannte, in dem jetzt irgendetwas knarrt. Hier empfing er auf einer samtroten Chaiselongue bis in die neunziger Jahre Studentinnen und Studenten.
Es waren die berühmten Audienzen des Professors, während derer er über Brecht oder Gombrowicz sprach und immer auch über die Fortuna auf der Turmkuppel des Charlottenburger Schlosses, das man aus seinem Salon sehen konnte. Die Schicksalsgöttin der römischen Mythologie, die auf einem Kugellager steht und sich, je nach Wind, kaum bemerkbar dreht und deren erhobene Hand Professor Wirth bei Nordwind an den Führergruß Adolf Hitlers erinnerte. «Bei Nordwind und dieser Stellung der Fortuna geht der polnische Emigrant nie aus dem Haus!», sagte er dann immer in seinem charmanten, irgendwie adligen, polnisch-amerikanischem Deutsch.
Wind, genau, denke ich, als jetzt die Tür des Kinderzimmers zuschlägt, aber wie ...
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Theater heute April 2019
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Moritz Rinke
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