Mannheim: Endstation Supermarkt
Es ist ein magischer Moment der Jugend, den Roland Schimmelpfennig als Ausgangssituation wählt, wenn er in seinem neuen Stück Miniaturen möglicher Lebensentwürfe kreuzt: Siebzehn Jahr, blondes Haar und nichts wie über den Zaun des kommunalen Schwimmbads, dann rein ins nachts so dunkle Wasser und in ein Abenteuer, in dem plötzlich auch Jugendliche mit Namen wie Leila, Murat, Aishe und Mehmet mitspielen. Kerstin, Olli, Frank und Cynthia staunen nicht schlecht und geben sich aggressiv, wenn diese so ganz anderen Menschen in «ihrem» Schwimmbad auftauchen.
Sehr schnell sind sie aber auch angetan, eröffnen sich doch ganz neue Möglichkeiten.
Gerade der Kindheit entwachsene, gutsituierte Biodeutsche treffen auf ethnische Hintergründe mit deutscher Staatsbürgerschaft. Aus dem Clash der Hormone entwickeln sich erste Liebesversuche. Begegnen sie sich nach zwanzig Jahren zufällig wieder, wird allerdings klar, dass damals nur kurz eine Zukunft jenseits der sozialen Herkunft denkbar war. Cynthia zum Beispiel hätte schwanger werden können, als sie sich vom Dönerbuden-Murat mit einem «Warum denn nicht» den BH öffnen ließ. Und Frank hätte Leila heiraten können. Den Eltern vorgestellt hatte er sie ...
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Theater heute März 2015
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Jürgen Berger
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
was ist los in Deutschland? Diese Frage wird heute vor allen Dingen von unseren europäischen Nachbarn gestellt. Die Briten fragen sich: «Oh Gott, wie ist es uns bloß passiert, dass wir daran glauben konnten, dass die moderne Gesellschaft eine bloße Dienstleistungsgesellschaft mit einem fetten finanzindustriellen Komplex sein...
Es gibt tatsächlich nur eine Leiche, die weggeschafft werden muss in Marco Stormans «Hamlet»-Inszenierung in Ingolstadt: Polonius hievt eigenhändig sein Versteck, eine spanische Wand, vom Bühnenrand in die Mitte und fällt dann, getroffen von einem Pistolenschuss, stilecht um. Da liegt er nun im Weg und wird mühsam ins Abseits gezerrt. Die anderen zahlreichen Morde...
Hinter dem Vorhang wird Schubert gespielt. Einzelne beherzte Klavierakkorde, ein wenig schief, eine Dekonstruktion des Wanderermotivs. Denkt man. Bis man sieht: Das Klavier steht auf Zweimeterbeinen, und fünf Schauspielerinnen mühen sich zehnhändig, irgendwie Töne auf dem Monstrum zu erzeugen. Die vermutete Dekonstruktion ist in Wahrheit die körperliche Begrenzung...
