Hannover: Nur die Liebe zählt
Er ist einer der linken Helden unserer Tage: Whistleblower Edward Snowden, der inzwischen incognito in Russland lebt. Auf den Stickern zur Theaterversion des Films «23» ist der Schauspieler Philippe Goos zwar in einer Pose zu sehen, die unverkennbar an den prominenten Geheimnisverräter erinnert. Es ist jedoch das große Verdienst von Regisseur Christopher Rüping, dass seine Inszenierung geschickt die Falle einer ideologischen Heldenverehrung umschifft – und stattdessen die Legende Karl Koch dekonstruiert.
Hinter dem Zerrbild eines der ersten Whistleblower der Geschichte kommt so ein emotional zutiefst verirrter Mensch zum Vorschein, der gerade deshalb vielleicht tatsächlich einiges mit Edward Snowden gemeinsam hat.
Auf der Bühne steht eine Landschaft aus alten Röhrenfernsehern, auf denen zu Beginn wackelige VHS-Video-Bilder flackern. Mathias Rusts Landung auf dem Roten Platz in Moskau 1987 wird kurz nacherzählt. Einfach mal für den Frieden in die Sowjetunion fliegen – solche Aktionen beeindruckten den damals 22-jährigen Karl Koch. Hinter den Fernsehern steht eine hermetisch abgeschlossene Kammer, die ein wenig an die Behausung von Dostojewskis armem Studenten in «Schuld und Sühne» ...
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Theater heute April 2016
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Alexander Kohlmann
Meine Leitfrage ist: Bewegen wir uns 25 Jahre nach dem Ende der bipolaren Weltordnung und nach der dazwischenliegenden Periode, die von vielen Theoretikern auch als neue Weltunordnung bezeichnet wurde, wieder auf einen dominanten Dualismus zu? Meine Hypothese ist, dass diese neue bipolare Bruchlinie sich in den Innenraum der europäischen Gesellschaften verlagert...
Wenn der Regisseur Kriegenburg und der Bühnenbildner Kriegenburg auf Franz Kafka treffen, darf man auf eine kreative Kollision hoffen. Die kam jedenfalls 2008 an den Münchner Kammerspielen zustande, als Andreas Kriegenburg Kafkas «Prozess» radikal in die Vertikale setzte, ein Bühnenbild, um 90 Grad gekippt, in dem der verachtfachte Joseph K. sich durch sein...
So ein zeitgenössischer Theaterautor hat es wirklich nicht leicht heutzutage. Da kommt man in eine Stadt, von der man nicht viel kennt außer Bahnhof, Theater und einem mittelschlechten Vertreter-Hotel auf halbem Weg dazwischen, soll ein möglichst zugkräftiges Stück mit intensivem Ortsbezug entwickeln und dabei auch noch schlauer als alle anderen sein. Nämlich...
