Archäologie der DDR
Jeder Fortschritt hat seinen Preis. Und sei es einen intellektuellen. Wenn man Werbeplakate prangen sieht mit einer Frau auf den Schultern eines Mannes, vier goldenen Paketen in der Hand und der Botschaft «Ich kann endlich so lange shoppen, wie ich will», dann ahnt man, wo die Kosten unserer hochtechnisierten Marktwirtschaft liegen: in Innovationen, die zu bloßen Suggestionen werden, in einem Konsum, der Zweck und Maß verliert, in der Verkümmerung des Blicks, wofür es sich zu leben lohnt.
Auf die Shoppingcenter-Werbung lenkte Stuttgarts Neu-Intendant Armin Petras in einem Interview wenige Tage vor seiner Rückkehr nach Berlin (an die Schaubühne, nicht an sein altes Gorki Theater) das Augenmerk, um den Punkt zu bezeichnen, von dem er sich mit seiner Christa-Wolf-Inszenierung «Der geteilte Himmel» abstoßen wollte. Gegen das Heute, das die gesamtgesellschaftliche Umsicht einbüße, setzte er die DDR-Erzählung aus den Tagen des Mauerbaus, eine Liebesgeschichte, umweht vom Hauch der sozialistischen Gesellschaftsutopie, mit Kämpfern der Produktion statt Popanzen des Konsums.
«Es war die Zeit des großen kollektiven Glaubens», sagt Rita 1989 rückblickend zu ihrem Manfred in einem freien ...
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Theater heute März 2015
Rubrik: Aufführungen, Seite 9
von Christian Rakow
Der Blick auf die Auswahl zum diesjährigen Theatertreffen in Berlin (1.–17. Mai) wurde ein wenig verstellt: Zwei Tage vor der Vorstellung der zehn «bemerkenswerten» Inszenierungen der Saison hatte das Münchner Residenztheater gemeldet, dass der Suhrkamp-Verlag ein Verbot der Castorfschen «Baal»-Inszenierung beantragt habe – wegen der offenbar völlig unvermuteten...
Es ist ein magischer Moment der Jugend, den Roland Schimmelpfennig als Ausgangssituation wählt, wenn er in seinem neuen Stück Miniaturen möglicher Lebensentwürfe kreuzt: Siebzehn Jahr, blondes Haar und nichts wie über den Zaun des kommunalen Schwimmbads, dann rein ins nachts so dunkle Wasser und in ein Abenteuer, in dem plötzlich auch Jugendliche mit Namen wie...
23 Jahre Volksbühne haben Spuren hinterlassen bei Frank Castorf. Man muss sich nur die beiden Porträts von Thomas Aurin auf dem Umschlag ansehen: Als 1996 die erste Ausgabe von «Die Erotik des Verrats. Gespräche mit Frank Castorf» erschien, war F.C. Mitte vierzig und guckte mit schiefer Drahtbrille im straffen Gesicht müde, konzentriert und ein bisschen spöttisch...
