Aufwärmen fürs Kennenlernen
Er: ein älterer knorriger Einzelgänger mit Bluthochdruck. Sie: eine junge überlastete Notärztin. Er: der leutselige Alltagsrassist von nebenan. Sie: eine Hessin mit ägyptischem Vater. Ein Traumpaar kann daraus nicht werden, aber vielleicht ein Theaterstoff. Das jedenfalls ist der Ansatz beim Projekt «Fremdraumpflege». Die Initiative stammt von Pforzheims engagiertem Schauspielchef Murat Yeginer, der damit nicht zum ersten Mal auf die besondere Einwohnerstruktur der Stadt (46,6 Prozent haben einen migrantischen Hintergrund) eingeht.
Diese Kooperation mit dem Badischen Staatstheater Karlsruhe zielt nun auf die Begegnung unterschiedlicher kultureller Kreise, indem man in Wohnzimmern von eher theaterfernen Familien ein Stück namens »Begegnung» spielt.
Das sieht dann für die Zuschauer beispielsweise so aus, dass sie bei der Premiere in Pforzheim bei einer vierköpfigen türkischstämmigen Familie auf der gemütlichen Sitzgruppe und fünf, sechs Extrastühlen zusammenrücken und verfolgen, wie der angebliche Nachbar Walter Koslowski (Klaus Cofalka-Adami) sich eigentlich erst mal nur über den ungewöhnlichen Trubel im Treppenhaus beschweren will, dann aber doch dableibt, um dem nun angeblich ...
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Theater heute Februar 2014
Rubrik: Chronik, Seite 61
von Andreas Jüttner
Der arbeitnehmerausbeuterische Pfui-Teufel-Versand amazon, den man doch nie mehr benutzen wollte, hatte im letzten Moment geholfen: Drei Tage vor der Castorf-Premiere an der Berliner Volksbühne, eine Woche vor Weihnachten, lag sie im Briefkasten, die speckige beige Leinenausgabe der «Kusine Lisbeth», die verschweigt, aus welchem Jahr sie stammt. Vier Euro hat das...
Er heißt Harry und ist einer jener Helden, denen alles misslingt und die trotzdem ganz optimistisch wirken. Seine Frau starb vor Kurzem an Krebs, die Tochter zieht sich zunehmend zurück, und es sieht so aus, als wolle sie dem Großpapa den Enkel vorenthalten. Warum das so ist, erfahren wir etwas später: Die Tochter leidet an Depressionen und gab ihr Kind fürsorglich...
Kaum zu glauben, dass Antonio Latella die 700 Seiten mit drei Schauspielern, einem Sänger, einer leeren Bühne, ein paar Hockern und einem Scheinwerfer bewältigt. Tatsächlich gelingt ihm ein außergewöhnlich dichtes, mitunter verstörendes, Dostojewski-graues Kammerspiel um Verbrechen und Strafe. Dabei interessieren Latella die (längst ausgestandenen) Aufregungen über...
