Die Fallen des Mitleids
Vor sechs, sieben Jahren war sie ein beliebtes Feuilletonthema und provozierte beträchtliche Abwehr: die immer weiter zunehmende Zuwendung zu Romanbearbeitungen auf deutschen Bühnen.
Sie begann mit Castorfs Dostojewski-Stücken in den 90er Jahren und ist mittlerweile so allgegenwärtig, dass gar nicht mehr auffällt, dass nichts so sehr die Inszenierungslust deutscher Regisseure anzustacheln vermag wie das weite Feld, das zwischen zwei Buchdeckeln liegt und beliebig beschritten werden kann, von Fallada, Herta Müller und Sepp Bierbichler über Zola, Houellebecq, Coetzee und John Steinbeck bis zu den nach wie vor unverwüstlichen Dostojewski-Brocken (dies nur eine kleine Auswahl an Autoren, die in den letzten drei Monaten an großen Häusern zu szenischen Ehren kamen).
Und längst hat sich das Motive-Abhaken ausdifferenziert. In Berlin sind zur Zeit zwei Inszenierungen zu sehen, die prägnant zeigen, auf welch unterschiedliche Weise das Epische zum Szenischen werden kann: An der Schaubühne inszeniert Simon McBurney Stefan Zweigs «Ungeduld des Herzens» als ausgefuchste Installation, am Deutschen Theater Daniela Löffner Turgenjews «Väter und Söhne» als berührendes Schauspielertheater.
Stefan ...
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Theater heute Februar 2016
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Barbara Burckhardt
Die Protagonistin im Superman-Outfit laboriert an einem «Divaanfall». Soeben hat sie zum zwölften Mal mitten in ihrem Elektra-Monolog die Bühne verlassen. Klarer Fall von «no service» also: «Ich bin eben nicht immer in Geberlaune», erschließt die Diven-Darstellerin Kathrin Angerer dem Theater neue Verweigerungsnöldimensionen.
René Polleschs Berliner...
Als «massives Kompendium des Zornwissens», ohne «das die Dramen des 20. Jahrhunderts nicht angemessen beschreibbar sind», hat Peter Sloterdijk das Marxsche Werk einmal bezeichnet. Womit recht gut die Faszination bezeichnet ist, die Marx noch immer auf die Dichter und Denker ausübt. Die Arbeitswerttheorie, die Verelendungstheorie oder die Thesen zum tendenziellen...
Eine schöne Mörderin, die ihre Ehemänner tötet, im Keller einbetoniert und im Gefängnis ein Kind bekommt, hat schon starkes Starpotenzial. In Österreich füllte die Geschichte der «Eislady Esti» Klatschspalten und Feuilletons. Selbst der Schriftsteller Thomas Glavinic sprach nach einem Gefängnisbesuch fasziniert von ihren «bemerkenswerten Vibes» und «zarten...
