Im Selbstwiderspruch – Contra HAU
Jeder, der heute über das HAU schreibt, hat genau genommen zu wenig Ahnung. Kein Kritiker, Zuschauer, Fan – vermutlich nicht einmal Matthias Lilienthal selbst – hat jede der 120 bis 150 Produktionen gesehen, die Jahr für Jahr dort durchgeschleust werden. Zahlen sind vielleicht langweilig, aber manchmal nicht zu vermeiden. Ein fleißiger Kritiker geht 100 Mal pro Saison ins Theater, manche auch nur 60 oder 80 Mal. Hyperaktive Kollegen mögen auf 150 Besuche kommen, aber das ist auf Dauer nicht gesund.
Berliner Kritiker, von überregional reisenden Kollegen nicht zu reden, müssen fünf weitere große Schauspielhäuser im Blick haben nebst einer wuchernden Szene und dürften auch bei allerhöchstem Interesse höchstens zwei Dutzend Mal im HAU gewesen sein. Ich selbst habe in meinem Kalender nachgesehen und war in der letzten Spielzeit genau sieben Mal in einer der drei Spielstätten. Ich habe also auch nur eine sehr partielle Ahnung und schreibe trotzdem. Wie alle anderen.
Die Überforderung hat natürlich Prinzip – in zweierlei Hinsicht. Die kurzen Spielserien von oft nur drei Vorstellungen machen die Kritik fürs Publikum weitgehend überflüssig, denn am Tag des Erscheinens einer Rezension ist ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute April 2012
Rubrik: Neun Jahre HAU, Seite 34
von Franz Wille
Als Autor und Regisseur habe ich das Privileg, für meine Arbeiten viele Monate, manchmal sogar Jahre zu recherchieren. Ich arbeite mich an verschiedenen Punkten gesellschaftlicher Erfahrungssedimente ab. Es handelt sich bei diesen Arbeiten um den Versuch einer Tiefenbohrung, bei der ich die Treibsätze von bestimmten Ereignissen, ihre historischen, privaten und...
Es gibt Theaterhäuser, da weiß man vorher, wie der Abend aussehen wird: Bühnenbild, Kostüme, geschminkte Schauspieler sprechen Texte von lebenden oder toten Autoren. Dazu mehr oder weniger Musik, bunteres oder schlichteres Licht. Gerne auch mal Videoprojektionen in verschiedenen Formaten. Am Schluss wird geklatscht, und danach wird der Abend 10- bis 30-mal...
Was für eine nette Gesellschaft: kein einziger guter Mensch. Während der alte Familienpatriarch, seit Jahren ein Spieler und Säufer, im Nebenzimmer verröchelt, entbrennt vorn im Salon der Kampf ums Erbe. Dabei ist jedes Mittel recht. Es wird gedroht und intrigiert, bestochen, betrogen, erpresst, spioniert, gefälscht, eingeschüchtert und am Ende sogar gemordet....
