Schöne neue Welten
Tanzplattformen sind immer auch Stimmungsbarometer der Tanzszene. Sie liefern Querschnitte durch die Zeit und umreißen so den Stand der Dinge. Betrachtet man die jüngste Ausgabe der Tanzplattform Deutschland, die nach zwanzig Jahren erneut in Frankfurt am Main stattfand, will der Tanz vor allem wieder eins: sich der Welt zuwenden und Lösungsvorschläge für gesellschaftliche Probleme machen. Der Anspruch, politisch zu sein und die Probleme der Gegenwart zu bearbeiten, ist bei vielen der zwölf gezeigten Stücke unverkennbar. Bei den Resultaten sind jedoch Zweifel angebracht.
Der Tanz war immer anfällig für Ideologien aller Art. Vom US-amerikanischen Nationalismus bis hin zum deutschen Faschismus und den Arbeiterbewegungen – Tanz hat sich gerade auch in der Moderne immer als Motor des Fortschritts in den Dienst nehmen lassen – ein Erbe, welches er seit der Verherrlichung absolutistischer Herrschaft am Versailler Hof des Sonnenkönigs nicht loszuwerden scheint. Viele der gezeigten Stücke scheinen sich heute eher an diese fragwürdige politische Tradition des Tanzes anschließen zu wollen als an das, was in den vergangenen vierzig Jahren tonangebend war.
Vorbei jedenfalls die Zeit, als ...
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Theater heute Mai 2016
Rubrik: Tanztheater, Seite 52
von Gerald Siegmund
Nora barmt. «Dein kleines Eichhörnchen würde herumhüpfen und Kapriolen schlagen, wenn du lieb und artig bist» säuselt Karin Enzler im eigenartig verrutschten Konjunktiv. Aber ein Hüpfen kann man sich ganz und gar nicht vorstellen bei dieser Nora, die kühl und emotionslos halb zu sich selbst spricht, halb ans Publikum und praktisch gar nicht an ihre Mitspieler....
Zu zeigen, dass es nicht mehr relevant ist, unter welcher Produktionsstruktur ein Abend entsteht – frei oder am Stadttheater –, ist eins der erklärten Etappenziele, die Matthias Lilienthal sich für seine Amtszeit an den Münchner Kammerspielen vorgenommen hat. Inhaltlich und ästhetisch ist es sicher so, dass es da längst keine Bastionen mehr einzureißen gibt. Im...
Es ist dieser Moment in Daniela Löffners angstfrei emotionaler Inszenierung von Brian Friels Turgenjew-Dramatisierung «Väter und Söhne», wenn tatsächlich jeder Widerstand bricht. Der pensionierte Militärarzt Wassilij Iwanowitsch Bazarow, ein großer Mann, der sich sehr klein fühlt und das hinter vielen Worten zu verbergen sucht, ist verstummt. Sein Sohn ist tot,...
