Hannover

Carl Sternheim «Aus dem bürgerlichen Heldenleben: ‹Die Hose›, ‹Der Snob›, ‹1913›»

Theater heute - Logo

Wenn der alte Christian Maske (Henning Hartmann) hinter dem Gaze-Vorhang das Treiben seiner Nachkommen beobachtet, packt ihn das Grauen.

Infantile Spiele und Lebensuntüchtigkeit in Gestalt seines Sohns Phillip Ernst (wei­nerlich und ängstlich: Aljoscha Stadelmann) wechseln sich mit der eiskalten Skrupellosigkeit seiner attraktiven Tochter Sofie (Rebecca Klingenberg) ab: «Wer hat Kapitalien angehäuft, mo­no­polisiert und unablässig fusioniert? Wer hat immer neue Millionen aus der Vorstellung gestampft, die jetzt verzinst werden sollen? Ihr habt uns die Skrupellosigkeit übermacht», resümiert sie kühl, und Maske erschrickt über die logische Konsequenz eines Wirtschaftssystems, das er mit erschaffen hat. «Die Herausgabe von Aktien eines Unternehmens, das arbeitend gar nicht existiert, erst in fünf Jahren zu leben anfängt? Das ist verbrecherisch», ahnt er den bevorstehenden Untergang.

«1913» zeigt den Verfall einer Familie im Endstadium. Da helfen auch nicht die ungelesenen, dekorativ im hohen Regal gesammelten Bücher, die ihm Tochter Ottilie (Juliane Fisch) jetzt um die Ohren wirft. Der neureiche Maske hat es versäumt, seinen Wohlstand mit einem bürgerlichen Wertegerüst zu untermauern ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute März 2012
Rubrik: Chronik, Seite 49
von Alexander Kohlmann

Weitere Beiträge
Theater Augsburg

Was für eine Männerfreundschaft! Da stehen sie dicht voreinander, Orgon und Tartuffe, blicken sich tief in die Augen und schütteln sich vor La­chen, genauer: vor Lachyoga. «Wer seiner Lehre folgt, empfindet tiefsten Frieden», frohlockt der Hausherr. Er ist dem Guru Tartuffe samt dessen Glücksverheißungen aus fernöstlichen Entspannungs–techniken und Voodoo-Klimbim...

Das Make-up der Revolution

In Nürnberg gibt es einen Mann, der ununter­brochen nackt im Kreis läuft; ungefähr eine Stunde lang. Kein Feierabend-Jogger oder Wellness-Athlet, dagegen sprechen schon die wenig fußfreundlichen Militärstiefel, sein einziges Kleidungsstück. Er sieht auch nicht aus, als ob er sich um seine Gesundheit sorgt, und vom Laufen hat er keine Ahnung. Das Tempo ent­weder zu...

Köln

Im Prolog seines «Puntila und sein Knecht Matti» verspricht Brecht Spaß «zentnerweise» und warnt, hier werde mit dem Beil gearbeitet. Irgend­wie muss seitdem eine Spaßmaßinflation stattgefunden haben. Brechts Zentner sind heute Gramm. Bei Herbert Fritsch gibts Späße tonnenweise, und gearbeitet wird mit dem Kalauer. Grotesk, ohne Fabel, ohne Figuren, mit der...