Das Reifen der Avantgarde
Nach 23 Stunden und 45 Minuten stehen alle auf im Saal und heben die Arme. Die Beats sprechen den Befehl aus, und der goldene Wabbelkörper von Dionysos schüttelt auf der Bühne, was er hat, und das ist viel. Als auch noch der Bass droppt, wie man in der Clubmusik den Moment nennt, wenn nach einer Basspause die Tiefen wieder einfahren, ist es um die Menge geschehen. Erlösung, Verzückung. Reine Gegenwart: Wir sind nicht im Berghain oder einem anderen Feierladen, sondern in den Berliner Festspielen, Sonntagnachmittag, kurz nach vier. Draußen scheint die Sonne, es geht ein leichter Wind.
Kurze Zeit später stehen die ersten Handyvideos von «Mount Olympus» auf Facebook. Mit der Uraufführung von Jan Fabres Antikenexzess hat sich das Festival «Foreign Affairs» viele Likes geholt. 17 Jahre nach «Rave» von Rainald Goetz naschte die Theatergemeinde wieder einmal von der Nacht. Von der Unvernunft, von der Ekstase, die sich nicht in das blendende Licht der Sprache übersetzen lassen, ohne dass die Pupillen schreien. Diesmal liefert der Stoff aber nicht die dichte Beschreibung wie bei Goetz – «wir schauten uns um und lachten. Sehr geile Musik jetzt». Fabre verstreut das Zeug über einen ganzen Tag, ...
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Theater heute August/September 2015
Rubrik: Festivals, Seite 28
von Tobi Müller
Unter Saddam Hussein war der Irak wunderschön», seufzt der Iraker Behnam Al-Agzeer beim Interview in der «Dezentrale» in Mülheim an der Ruhr, die vor drei Jahren noch eine Schlecker-Filiale war und nun die «Silent University» beherbergt.
Es gibt wohl kaum einen Satz, in dem sich der Abgrund zwischen westlicher und östlicher Perspektive klarer abbilden würde. Mit...
Dunkel und still wie in einem Grab ist es. Plötzlich schneiden gleißend helle Stroboskopblitze einzelne Bilder in die Finsternis: Ein Mann watet durch knöcheltiefes Wasser, trifft auf eine Frau. Im Blitzlichtgewitter und zu anschwellender elektronischer Musik fallen sie wollüstig übereinander her, ein zuckendes triefnasses Knäuel, das sich im Wasser wälzt....
Zuletzt hatte sich Regie-Veteran Hansgünther Heyme an dem sperrigen Stoff versucht: mit dem Karlsruher Ensemble und für die Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Aber absehbar blieb auch diesmal wieder, dass die beiden «Gas»-Stücke des expressionistischen Dramatikers Georg Kaiser nicht wirklich zurückzugewinnen sind fürs Repertoire. Denn obwohl ziemlich viel Material...
