Zuschauer: Schrecklich schön
Michael Merschmeier Was schaut man gern an?
Thea Dorn Das Erhabene und das Schöne. Das Schöne leuchtet unmittelbar ein: Wer schaut nicht gern einem schönen Mann oder einer schönen Frau nach? Das ist banal. Darauf sind wir Menschen gepolt. Das Erhabene ist – nach Kant – allerdings auch die Katastrophe, das Furchtbare, die Gefahr, das Grauen. Da scheiden sich schon die Geister. Will man das auf der Bühne sehen? Viele sagen, im Leben gebe es so viel Schreckliches, dass man das in der Kunst nicht auch noch sehen müsse. Das sind meiner Meinung nach begnadete Verdränger.
Denn: Das Schreckliche existiert nun mal. Und es fasziniert uns. Bei einem Autounfall schauen wir alle hin. Ich weiß nicht, ob man es will – aber man tut es.
MM Kunst ist nicht die Wirklichkeit.
Dorn Deshalb sagt Kant ja auch: Ich kann einen Vulkanausbruch nur genießen, wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass er mich nicht erwischt.
MM Wir leben nicht mehr in Kants Zeiten. In unserer Welt der vielen Bilder verwischen oft die Grenzen zwischen der Wirklichkeit und ihrer mediale Wiedergabe.
Dorn Letztes Jahr habe ich einen sehr heftigen Autounfall gesehen, hier in Berlin am Alexanderplatz. Die Menschen standen da und gafften. ...
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