Wien: Nackt unter Kreuzen
Die Mädchen fassen sich zwischen die Beine. Sie stöhnen und bäumen sich auf, sie winden sich und zerren an ihren leichten Sommerkleidern. Die Lust, die sie durchfährt, ist in der Eröffnungsszene dieser «Hexenjagd» am Wiener Burgtheater aber auch ein Todeskampf. Die Röcke und Blusen eignen sich hervorragend, um sich selbst zu strangulieren.
Die Masturbationsszene, mit der Regisseur Martin Kusej seine dreieinhalbstündige Vivisektion menschlicher Bigotterie und Frömmelei einleitet, könnte nicht symbolträchtiger sein.
Martin Zehetgruber hat dafür einen Wald monströser schwarzer Kreuze auf die Bühne geklotzt, unter denen das puritanische Salem seinem Hexenwahn nachgehen kann. Als da wären: Reverends, denen angesichts fleischlicher Regungen sofort der glänzende Angstschweiß auf die Stirn tritt, Richter, die in jeder Zuckung einen Hexenbeweis sehen, und Bürger, die sich gegenseitig den Teufel an den Hals wünschen. Eine Gesellschaft, die sich von Aberglauben und Fanatismus leiten lässt – und die Kusej mit heiligem Ernst zelebriert.
Arthur Miller hat das Stück 1953 als Gleichnis auf die Gesinnungsschnüffelei der McCarthy-Ära geschrieben, Kusej hat es unter dem Eindruck heutiger ...
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Theater heute Februar 2017
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Wolfgang Kralicek
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