Werthers Lücke
Ich habe nie zu den Schauspielern gehört, die auf der Bühne weinen können. Schon auf der Schauspielschule hat uns diese Fähigkeit knallhart in zwei Klassen eingeteilt: in die schauspielerische Oberschicht, den Adel, wenn nicht sogar den hochtalentierten, heulenden Hochadel, die, denen echte Tränen übers Gesicht rinnen, und in die anderen: das Fußvolk, das theatralische Proletariat, die untalentierte Unterschicht: die sich die Hände vors Gesicht schlagen und vom Publikum abgewandt mit staubtrockenen Augen Schluchzen spielen.
In fast jedem Stück gibt es diesen alles entscheidenden Authentizitätsmoment, diesen Wahrhaftigkeitsnachweis: Mensch oder Hochstapler. Es gab Tricks, Techniken, die einem die Tränen in die Augen treiben sollten: japanisches Heilpflanzenöl auf Daumen und Zeigefinger, bei einer als Nachdenken kaschierten Geste in die Augenwinkel einmassiert, oder Zauberworte wie «Mönchengladbach» oder «Schanghai», die den Rachen weiteten und somit zu einem Augen befeuchtenden Gähnen führten. Mit «Schanghai» hatte ich einigen Erfolg. Mehrere Rollen habe ich durch «Schanghai»-Flüstern und -Denken als empfindsame, zerstörte Figuren ins Ziel retten können. Das Knacken in den ...
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Theater heute Jahrbuch 2009
Rubrik: Die Spieler des Jahres, Seite 84
von Joachim Meyerhoff
Birgit Minichmayr hat die Kritikerinnen und Kritiker in dieser Saison klar überwältigt: Die mit großer Stimmenmehrheit gewählte Schauspielerin des Jahres dürfte es gewohnt sein, dass Männer vor ihr in Andacht verfallen. Eine Auswahl.
Kathleen Morgeneyer kannte Tschechows «Die Möwe» nicht, bevor sie die Nina in Jürgen Goschs Inszenierung spielte. Jetzt kennt man...
In Elfriede Jelineks Texten reden sich die Leute zuverlässig um Kopf und Kragen. Besonders, wenn sie sich Mühe geben, nichts Falsches zu sagen. Aber was soll man in «Rechnitz (Der Würgeengel)» über ein Massaker an 180 Juden und anschließende Jahrzehnte des Totschweigens auch Richtiges sagen?
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Alles falsch». So steht es in großen farbigen Lettern auf einem Plakat in dem sparsam eingerichteten Café «kwadrat» im Düsseldorfer Stadtteil Pempelfort, das Kathleen Morgeneyer für unser Treffen vorgeschlagen hat. Teil der Inszenierung? Sollte Stanislawski das hier aufgehängt haben, oder Strasberg oder ein anderer gestrenger Kunsterzieher? Ist die karge Bühne für...
