Von Whisky, Cadillacs und Poker
Im Sprechtheater wird traditionell viel geredet, oft zu viel. Aber dann fallen plötzlich Sätze, die ganze Romane überflüssig machen. «Ihr könnts euch nicht leisten, den Mut zu verlieren, ihr könnts euch einfach nicht leisten», ist so ein Satz. Genau genommen bedeutet das: Depression ist Luxus. Soweit muss man erst mal kommen. Wenn der Satz fällt, sind in John Steinbecks «Früchte des Zorns» schon ein paar hundert Seiten vergangen, und die Familiensaga der Joads Ende der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts neigt sich immer tiefer in den Abgrund.
Auf dem Weg von ihrer überschuldeten und von Wind und Sand verwüsteten Farm ins gelobte Land Kalifornien wird alles nur noch schlimmer. Großvater und Großmutter sind nacheinander auf der Fahrt gestorben und verscharrt worden, die Tochter ist hochschwanger, der Schwiegersohn abgehauen, das Auto verreckt, das Geld alle, kein Job in Sicht, kein Dach überm Kopf und nichts zu essen. Was noch fehlt bis zum Ende des Buchs sind eine Fehlgeburt, ein toter Mann, eine Überschwemmung und ein biblisch offenes Ende. Mit Fleiß, christlicher Moral und gutem Willen, so erzählt das uramerikanische Melodram, kommt man in der Wirtschaftskrise nur immer weiter ...
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Theater heute Februar 2011
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Franz Wille
In jedem Zimmer des alten Bauernhofs, auf dem Franz Xaver Kroetz lebt, steht eine Schreibmaschine, die nur darauf wartet, dass der Dramatiker endlich wieder saftige Dialoge in sie hämmert. Vergebens: Kroetz hat die Dramenproduktion eingestellt. Er mag nicht mehr, es fällt ihm nix mehr ein, und an sich wäre das auch gar kein Problem: Kroetz hat in seinem Leben ja...
Ansichten eines Kritikers: Herbert Ihering (1888-1977) gehörte zu den wichtigsten Theaterkritikern in der Weimarer Republik. Dabei war er mehr als ein Schöngeist mit Schreibe, pochte auf die gesellschaftliche Funktion der dramatischen Kunst und mischte sich kulturpolitisch ein. Nun liegt eine Edition seiner verstreuten Bemerkungen über Kritik und Kultur, Politik...
Ist die globale Streitkultur mittlerweile in der Dekadenzepoche der Argumente angekommen? Jeder Manager spricht heute über die Verantwortung der Konzerne, Aktivisten erkennen an, dass Sweatshops nicht nur Ausbeutung sind, sondern auch Entwicklung fördern. Konsens ist ausdrücklich erwünscht, sanfte Maßnahmen werden bevorzugt, Standpunkte sind verhandelbar. Das...
