Von melancholisch nach aufgekratzt

Alfred Andersch/Philipp Löhle «Fahrerflucht/Fluchtfahrer», nach Hauff «Das kalte Herz»

Theater heute - Logo

Es war einmal eine Zeit, in der es keine Überwachungskameras an Tankstellen, keine Daten sammelnden Bordcomputer und keine Dashcams in Autos gab. Ein Mann begeht Fahrerflucht, eine junge Frau stirbt, ein Tankwart schweigt. Und außer dem Zuhörer wird keiner je die volle Wahrheit erfahren. Und es ist eine Zeit, in der Gier die Menschen zum Morden bringen. Wo der Traum des einen zum Albtraum des anderen wird. Was wiederum ziemlich zeitlos ist.

In seinem Hörspieltext «Fahrerflucht» lässt Alfred Andersch 1957 drei Menschen im Nachkriegsdeutschland, die eigentlich nichts mit­einander zu tun haben, schicksalhaft und fatal aufeinander treffen. In Philipp Löhles «Fluchtfahrer» haben, ein halbes Jahrhundert später, alle sehr viel miteinander zu tun, und am Schluss gibt es ebenfalls Tote.

Beide recht kurzen Stücke hat der Regisseur Dominic Friedel am Stuttgarter Schauspiel zu einem Doppelabend zusammengebunden. In strenger, fast asketischer Form hat er Anderschs Text inszeniert, quälend lang erscheint am Anfang der Monolog des Tankwarts (Robert Ku­chenbuch), der seinem bleichen Spiegelbild von Schuldgefühlen und lähmender Angst erzählt, die ihn aus Kriegstagen heimsucht. Dem Manager, der ihn ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute April 2014
Rubrik: Chronik Stuttgart Staatsschauspi, Seite 60
von Kristin Becker

Weitere Beiträge
«Hier würde sich niemand als Intellektueller bezeichnen»

Stefanie Carp Mark, du hast 21 Jahre, von 1983 bis 2004, das Präsentationshaus PS122 geleitet und dann Under The Radar gegründet. Warum?
Mark Russell Es gab eine neue Künstlergeneration im Bereich der Performing Arts, die in ganz neuen Formen und Formaten arbeitete. Ich wollte diesen neuen Künstlern eine amerikanische Plattform geben. Als ich im PS122 aufhörte,...

Der verkrampfte Volkswille

So ein schönes Land. Steile Berge, stille Seen, stolze Städte, stabiler Wohlstand. Als Dreingabe: direkte Demokratie. Das war einmal die Schweiz-Idylle, von außen betrachtet.

Von innen betrachtet, sieht die Schweiz weniger paradiesisch aus. Schon der aufgeklärte Berner Dichter Albrecht von Haller (1708–1777) ahnte, in seinem Heimatgärtlein könnten...

Wer macht den Juden zum «Juden»?

Das Gift wirkt langsam, gründlich und nimmt einen langen Weg. Seine Wirkung verdankt es nicht zuletzt Thomas Dreißigackers Bühne, der in einem unmöglichen Raum das Unmögliche ermöglicht hat. Der Raum ist das sogenannte Depot 1 des Schauspiels Köln in Köln-Mülheim, weit hinter Deutz. Dieses «Depot» – eine Halle, in der eine unförmig breite Zuschauertribüne vor eine...