Ungeheuer ist viel
«Ich könnte vielleicht Puppen herstellen, die Herz, Gewissen, Leidenschaft, Gefühl, Sittlichkeit haben. Aber nach dergleichen fragt in der ganzen Welt niemand. Sie wollen nur Kuriositäten in der Welt; sie wollen Ungeheuer. Ungeheuer wollen sie.» Die Klage des alten Wachsfiguren-Schöpfers Tino Percoli in Joseph Roths Roman «Die Geschichte der 1002. Nacht» könnte durchaus auch ein Fazit des 16. Internationalen Figurentheaterfestivals in Erlangen, Nürnberg und Fürth sein.
Denn wenn in diesem uralten Metier etwas schon lange keinen Platz mehr hat, dann sind das Nettig- und Betulichkeiten, wohliger Herz-Schmerz, das «gute Ende» und was es dergleichen Versöhnliches und Berechenbares mehr gibt. Stattdessen ziehen die Puppen und Objekte, hochgerüstet und beseelt von Rachegelüsten und Zerstörungswut, stellvertretend für den Menschen in die finale Schlacht gegen alles Wahre, Gute und Schöne.
Übrig bleiben dann verbrannte Bühnenerde, demolierte Papp- und Holztorsi, das Chaos der Dinge – aber immer mehr eben auch der lebendige Mensch selber, der sich inmitten der animierten Realität schließlich ausnimmt wie eine malträtierte Marionette, der man die Fäden zur wirklichen Welt und zu Gott ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das könnte Sie auch interessieren:
Puppen sind nicht die besseren Menschen: zum 24. "Figurentheater der Nationen" in Bochum
Die Kunst der Bescheidenheit - Tristan Vogt und sein Nürnberger Figurentheater «Thalias Kompagnons»
Krieg aus dem Modellbaukasten - Bericht vom 14. Internationalen Figurentheaterfestival
Professor Laub wäre wohl nie in Berührung mit kanaksprachlichen Jugendlichen gekommen, hätte sein mit allen Mitteln der häuslichen Brutpflege wattierter Sohn Felix nicht bei türkischen Jugendlichen Freundschaft gesucht. Eines Tages allerdings klaut Freund Can ihm die neuen Schuhe, was wiederum den Professor auf den Plan ruft, der mit seiner Intervention bei Cans...
Im freundlichen Hotel, das das Krakauer Goethe-Institut den deutschen Journalisten und Theaterleuten zur Premiere von Andrzej Stasiuks Grenzland-Farce «Warten auf den Türken» reserviert hat, liegt eine praktische kleine Broschüre in englisch aus, «locally produced»: «Krakow in your pocket». Sie enthält unzählige Restauranttipps für die unzähligen Restaurants in der...
1978 «Leonce und Lena», Büchner, Volksbühne Berlin
«Mein Herr, was wollen Sie von mir?» Ein schlaksiger junger Mann im hellen, heruntergekommenen Anzug, die Melone tief ins Gesicht gezogen, hat die Bühne betreten. Auf der leeren, öden Szene, von einer schäbigen Treppe gebildet, die sich im Orchestergraben verliert, ein einsamer Stuhl. Aus einer 08/15-Aktentasche...
