Talent zum Privileg

Wie Wiederholung als Kunstpraxis, kulturelle Aneignung und struktureller Rassismus zusammenhängen

Theater heute - Logo

Anta Helena Reckes «Mittelreich» – die Wiederholung der Inszenierung einer weißen Regisseurin mit einer weißen Besetzung durch eine schwarze Regisseurin mit einer schwarzen Besetzung – berührt mich und meine Theorie als Theaterwissenschaftlerin, meine Praxis als Dramaturgin und meinen Alltag als schwarze deutsche Frau im deutschen Theaterbetrieb auf vielen Ebenen: Zum einen habe ich vor einiger Zeit ein theaterwissenschaftliches Buch geschrieben, das auf meiner Doktorarbeit basiert und den Titel «Ästhetik der Wiederholung» trägt.

Ich habe mich also viele Jahre mit ganz unterschiedlichen Formen der Wiederholung, der Verdopplung, der Kopie, des Zitats, der Aneignung und des Reenactments in der Bildenden Kunst und insbesondere in der Aufführung beschäftigt. Zum anderen habe ich in den letzten Jahren Verfahren der theatralen Repräsentation – also der Stellvertretung und Darstellung – des vermeintlich Anderen untersucht und in diesem Rahmen verstärkt postkoloniale Theoriebildung und Denkfiguren der kritischen Weißseinsforschung in meine theaterwissenschaftliche Arbeit einbezogen. 

So habe ich mich im Zuge der sogenannten Blackfacing-Debatte, aber auch darüber hinaus damit ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2018
Rubrik: Neue Konflikte, Seite 48
von Joy Kristin Kalu

Weitere Beiträge
Die 40-Tage-Lösung

Seit dem Erwachen meines politischen Bewusstseins Mitte der 1970er Jahre war der Begriff «Heimat» für kritische Menschen diskreditiert, damals vor allem durch die Nähe des Begriffs zu der Blut–und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten. Ich selbst würde sagen, dass er mich immer irritiert und ich ihn nie benutzt habe. Er stand einfach im Verdacht, ein bisschen...

Versionen der Geschichte

Roland Schimmelpfennig hat Schule gemacht und eine ganze Generation von Autoren beeinflusst mit seiner ausgeformten Erzähltechnik – in der einfache Identifizierungen und Rollenzuschreibungen ständig unterlaufen werden und die Darsteller aus dem Modus des Erzählens in der dritten Person immer wieder ins szenische Spiel einer ersten Person einsteigen, um dies dann...

Gemeinschaft und Individualität

Die Existenz verschiedener Religionen, Ideologien und Ethnien an ein und demselben Ort deutet auf zweierlei hin: nämlich entweder darauf, dass es einen Bürgerkrieg geben wird, oder darauf, dass dieser Ort gedeihen wird. Im Jahr 2015 sind 1.300.000 Menschen nach Deutschland gekommen. 40 Prozent der Bevölkerung haben vielfältige Hintergründe und Ethnien. 200.000...