Schuldig ohne Beweise
Die auf 10 Uhr angesetzte Verhandlung wird nicht im Basmannij Sud abgehalten, in dem die Voruntersuchung stattfand, sondern im Bezirksgericht Meschtschanskij, ebenfalls nur wenige Gehminuten vom Leningradskaja Hotel und dem «Platz der drei Bahnhöfe» entfernt. Vor dem Einlass werden unsere Personalien aufgenommen. Das neu errichtete Behördenhaus wurde erst kürzlich eröffnet, «uns und Kirill zu Ehren», wie der Dramatiker Valerij Pecheikin ironisch anmerkt; es fände sich derzeit wohl kein zweites ebenso gepflegtes Gerichtsgebäude in Russland.
Im Vestibül wird ein digitaler Info-Screen vom gusseisernen Halbrelief einer überlebensgroßen Justitia im Tsereteli-Stil dominiert. Beide Objekte scheinen nicht der gleichen Epoche anzugehören. Das Spruchband, das das Haupt der Allegorie umschwebt, verkündet auf Latein und Russisch: «Die Wahrheit fürchtet nichts als ihre Verschleierung.»
Im Flur des vierten Stocks drängen sich Vertreter der Intelligenzija wie die Schauspielerin Xenia Rappaport, die auch im Westen vielgelesene Autorin Ludmila Ulitzkaja oder der Komponist Alexander Manozkov, neben ihnen viele junge und sehr junge Menschen. Zunächst wird noch im Flur nach Zeugen gefragt. «Zeugen? – ...
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Theater heute Dezember 2018
Rubrik: International, Seite 40
von Sergio Morabito
Im Anfang war enttäuschte Liebe. Ein Gefühl, das mit aller Heftigkeit und explosiven Energie einen wunderbaren Ausgangspunkt für eine Standortbestimmung in transzendenten Fragen abgeben kann. Und so beginnt Yael Ronens jüngstes Werk «#Genesis / A Starting Point», bei dem es um den Urgrund der Schöpfung, vielleicht auch des Schöpferischen gehen soll, zunächst mit...
Die Lüge gibt es bekanntlich in unterschiedlich großem Zuschnitt. Meist hat sie kurze Beine und hoppelt als lässliche Schummelei daher. Manchmal wächst sie sich zu etwas Größerem aus, zum echten Trugbild, zum Bluff, zum Lügengespinst womöglich. Da streift sie dann schon die Sphäre des Künstlerischen. Aber nur ganz selten zeigt sich die elementare Lüge, die Lüge im...
Die Jubiläumshymnen sind gesungen, der Sekt ist geflossen, das Konfetti nach der großen Gala auf der Berliner HAU2-Bühne zusammengefegt worden: Zeit, sich nach den Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen des vielleicht erfolgreichsten Gießener Performancekollektivs noch einmal in das zu diesem Anlass erschienene Buch zu vertiefen. «Sich selbst fremd werden»...
