Schnitzlers Schreibe
Man kann sich jederzeit in Wien seine ganz persönliche theatralische Begegnung mit Arthur Schnitzler erlaufen. Man nehme das gelbe Reclam-Heft mit dem «Lieutnant Gustl» in die Hand und gehe los: vom Musikverein über den Ring und die Aspernbrücke hinein in die Leopoldstadt bis zur Hauptallee des Praters; dort setze man sich erholungshalber für eine Weile auf eine Bank. Der Rückweg führt dann quer durch die Stadt hindurch, mit Abstechern in den Stephansdom, den Burghof, den Volksgarten, vorbei an Burgtheater und Parlament.
Das Ziel lege man willkürlich irgendwo in der Josefstadt fest, nahe den ehemaligen Kasernen, in einem kaum berühmten Kaffeehaus. Da rastet man, und im Kopf klingen die letzten Sätze der Novelle nach: «Ich bin grad gut aufgelegt … Dich hau’ ich zu Krenfleisch!»
Dieser symbolgespickte Weg, den Gustl in einer Nacht zurücklegt, vor einem lächerlichen Duell und nach einem noch komischeren Zwischenfall im Foyer des Konzerthauses, wo ihn ein einfacher Bäcker «Dummer Bub» nannte und damit eine auf Ehre, Hochmut und brüchige Gesellschaftsregeln errichtete Welt ins Wanken brachte – dieser Weg also erscheint dem, der ihn heute nachgeht, wie ein unwirkliches Spiel im Realen. ...
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Theater heute April 2012
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Bernd Noack
Auf einer sonst leeren und dunklen Bühne steht ein viereckiger, rampenartiger Kasten, in dessen Mitte sich eine geschlossene Klappe befindet. Er trägt die Konturen eines Wolkenhimmels und ist auch in dessen Farben gehalten: hellblau und weiß. Er stellt zunächst einen Tisch dar, an dem Odysseus den Plan für die Operation entwirft, in deren Verlauf dem Philoktet der...
In unserer Zeit wäre Ibsens John Gabriel Borkman fein raus. Eine Bank ruinieren und ein paar hundert Kleinanleger um ihr Erspartes bringen gilt mittlerweile höchstens als Kavaliersdelikt. 1896, als Henrik Ibsen sein vorletztes Stück verfasste, waren Rettungsschirme für marode Geldinstitute noch nicht erfunden und ein Bankrotteur haftete mit seinem persönlichen...
Der Waldorf-Schüler, Ex-Barkeeper und Auto-Didakt Juri Sternburg, Berliner vom Jg. 1983, hat sich in einem Interview einmal einen «sinnsuchenden Alles- und Nichtskönner» genannt. Unter dieses Label könnten vermutlich auch Andrej und Igor schlüpfen, zwei merkwürdig vage zwischen Fick dich! und Shakespeare changierende Junkies, die ihre Sinnsucherfragen an keinen...
