Reality under Construction
In einem Fotointerview nach ihrer Idealvorstellung vom Gesicht eines Theaterzuschauers gefragt, antwortete Susanne Kennedy kürzlich mit geschlossenen Augen und einem Ausdruck entrückt-entzückter Trance.
Überraschend, aber auch wieder bezeichnend, arbeitet Kennedy in letzter Zeit doch irgendwie zweigleisig: an hochartifiziell konstruierten multimedialen Bildwelten mit Voiceover und Ganzkopfmasken für die Darsteller sowie daran anschließend an Erfahrungsräumen, die schon mal – eher ungewohnt fürs rational-aufgeklärte Theaterkunstklientel – schamanisch-spirituelle Kontexte mit anspielen.
Wenn dieser Spagat in der immersiven Installation «Coming Society» an der Berliner Volksbühne die meisten Besucher wohl nicht ganz überzeugen konnte, so gelang ihr jetzt an den Münchner Kammerspielen mit der motivischen Ankoppelung an Tschechows kanonisches Fernwehdrama «Drei Schwestern» ein fulminanter Brückenschlag. In einer durchaus traditionellen Bühne-Zuschauer-Konstellation zwischen hippen Virtual-Reality-Settings, Tableaux vivants mit Comic-haften Szenensprüngen und suggestiven Déjà-vus stellen sich philosophisch-theaterhistorische Fragen. Es geht sowohl um die Zukunftsvisionen des letzten ...
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Theater heute Juni 2019
Rubrik: Aufführungen, Seite 10
von Silvia Stammen
Die Kamera saugt sich am Gesicht der Mutter fest, der eine Träne über die Wange rinnt, und springt zurück zu den fiebrigen Augen der Moderatorin, die schon wieder ihren nächsten Gast angeht, um ihm ein Gefühl, ein Zitat, eine authentische, zutiefst menschliche Regung zu entringen. An tatsächlicher Auseinandersetzung hat diese Polit-Talkerin à la Anne Will null...
Was ist los in Frankreich? Samstag für Samstag demonstrieren die Gilets Jaunes, aller Polizeigewalt zum Trotz, und schlagen die Luxusboutiquen an den Champs-Elysées kurz und klein. Und im Theater endet ein Stück mit der unverblümten Aufforderung zu «einer schönen Revolution» und wird vom Publikum an einem frühlingshaft sonnigen Sonntagnachmittag mit frenetischem...
Neue Stücke
Ganz ohne Quote hat die Jury der Autorentheatertage dieses Jahr nur Werke von Autorinnen ausgewählt. In «ruhig Blut»
von der studierten Philosophin (und Yoga-Lehrerin) Eleonore Khuen-Belasi denken drei Frauen in der Tradition von Beckett und Schwab über Welt und Wandel nach, die Uraufführung inszeniert Clara Weyde in Koproduktion mit dem Schauspiel...
